Jerusalem, 20.-22.8.

Zum Fruehstueck gibt es Pita-Brot mit verschiedenen Hummus-Variationen und herzhaften Cremes. Essenstechnisch liegt dieses Land auf meiner Wellenlaenge, glaube ich. Wir nehmen einen fruehen Bus nach Jerusalem. Unterwegs fallen wieder die vielen Maschinengewehre ins Auge, die von Soldatinnen und Soldaten durch die Strassen getragen werden. Ein paradoxes Bild gibt ein junger Mann in farbenfrohem T-Shirt und bunter Badehose ab, der eine schwere Waffe umgehaengt hat, aber so laessig durch die Strasse schlendert, als wuerde er selbst das gar nicht mehr wissen.

Mariella hat uns ein Hostel empfohlen, in dem wir fuer 50 Schekel (vergleichsweise wirklich wenig) auf der Dachterasse pennen koennen, die gleichzeitig eine super Aussicht auf die Altstadt bietet. Wir machen direkt eine Stadtfuehrung mit, bei der uns unser jungscher Guide Aviv einen zweistuendigen Crashkurs in die 4 Altstadt-Viertel gibt: Das armenische, das christliche, das juedische und das islamische Viertel. Besonders beachtlich: Juden, die im islamischen Viertel leben, bekommen von der Regierung einen Kasten mit Bodyguard auf’s Dach gestellt.

Jeder Ort hier ist heilig: Keine Kirche in der Jesus nicht wenigstens einmal gebetet oder gegessen hat, kein Berg auf dem nicht irgendeine Prophezeihung eingetreten ist oder eintreten wird (bestimmt!). Am Nachmittag treffen wir meinen alten Freund Lukas, der zufaelligereise auch gerade in Israel herumreist und in Jerusalem am Start ist. Mit seinem Kumpel Andreas kommen sie gerade von einer Quer-durchs-Land-Tour wieder und haben einige witzige und unglaubliche Geschichten im Gepaeck. Wir stromern erzaehlend bzw. zuhoerend durch die Altstadt und enden in einer Bar mit weiteren Freunden, die sie unterwegs kennengelernt haben. Am Ende ihrer lebhaften Erzaehlungen beschliessen wir, den jordanischen Ort Petra von unserer Reiseroute zu streichen, da hier anscheinend jeder versucht, Touristen um ihr Geld zu bescheissen.

In einem interessanten Geapraech mit dem US-amerikanischen Juden Jeff versuche ich einmal, mir die juedische Position zum Nahost-Konflikt klar zu machen. Seiner Meinug nach kann es nur eine 2-Staaten-Loesung geben, da es einen juedischen Staat, in dem man sich sicher fuehlen kann, geben muesse. In Deutschland hatte ich im Vorfeld in Gespraechen mit Israelis eher herausgehoert, dass das Projekt 2 Staaten doch eh schon gescheitert sei und ein einziger Staat mit gleichen Rechten fuer alle die einzige Loesung sein koennte. Es ist ganz interessant aber auch total ernuechternd zu beobachten, dass sich hier wirklich niemand mit niemandem einig ist. Jeff glaubt fruehestens in „20 bis 30 Jahren“ an eine stabilen Frieden. Aber wenigstens glaubt er daran.

Am naechsten Tag besichtigen wir die Klagemauer. Diese ist der letzte Ueberrest des sogennanten zweiten Tempels und eine der heiligsten Staetten fuer die Juden. Das Beste ist meiner Meinung nach, dass man sich etwas wuenschen kann, indem man einen Wunschzettel in einen Spalt der Mauer stopft. Einmal im Monat werden die Zettel dann abgheholt und auf dem Oelberg vergraben. Danach geht’s zum Tempelberg. Waehrend man hier sonst sehr lange anstehen muss, bevor man hochgelasen wird, gibt es zur Zeit so wenig Touristen, dass wir easy hochlaufen koennen. Der Felsendom ist imposant, die anderen Gebaeude eher unspannend. Auf dem oberen Plateau laufen erstmals keine israelischen Soldaten oder Polizisten herum, dafuer kontrollieren sie schwer bewaffnet alle Eingaenge und laufen unten Patrouille. Der Tempelberg ist eigentlich das Sinnbild fuer den Nahost-Konflikt und den Konflikt der Religionen. Allen (Juden, Muslimen und Christen) ist er heilig und keiner moechte ein Stueck Kontrolle darueber abgeben. Aviv hatte gestern gesagt: „Der ganze Nahost-Konflikt liesse sich inerhalb weniger Sekunden loesen. Bis auf den Jerusalem-Konflikt. Der wird sich wohl nie loesen lassen.“ Im Moment wird der Berg von einer muslimischen Stiftung verwaltet, die militaerische Kontrolle hat aber hauptsaechlich Israel. Wegen des ganzen Stresses, der sich oft hier entlaedt, werden Juden oft nur beaufsichtigt und in kleinen Gruppen hereingelassen und auch fuer Muslime werden immer wieder Beschraenkungen verhaengt. Eine kleine Kostprobe bekommen wir, als nach dem Mittagsgebet rund um den Felsendom „Allahu Akbar“-Rufe laut werden. Die kann man je nach Windrichtung auch unten an der Klagemauer sehr gut hoeren, was das Rufen in diese Richtung fuer einige Stoerenfriede besonders attraktiv macht.

Wir entscheiden uns heute Abend bewusst gegen Feierei mit Lukas und Andreas, sehr zu deren Bedauern, da der Donnerstagabend hier aequivalent zu unserem Freitagabend ist. Dafuer koennen wir frueh nach Sonnenaufgang auf den Oelberg wandern und unterwegs und obendrauf wichtige Orte des Wirken Jesu besuchen. In den meisten Kirchen und Staetten sind wir voellig allein, auch eine Folge des aktuellen Kriegs. Nach muehevollem Aufstieg auf den Glockenturm der Himmelfahrtskirche, die Kaiser Wilhelm II hier errichten liess, werden wir mit einer 360-Grad-Aussicht auf Jerusalem, das Westjordanland, die Mauer („Sperranlage“,“Terrorabwehrzaun“), die beide seit 2003 trennt und vermutlich sogar die jordanische Wueste.

In einem stimmungsmaessigen Hoch ob der ganzen Entdeckungen machen wir uns auf den Rueckweg nach Tel Aviv.

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