Winter Break in California

***Leider sind im Zuge eines Serverabsturzes die Bilder zu diesem Beitrag verloren gegangen. Vielleicht werde ich sie irgendwann wiederherstellen. Ansonsten Glück für alle, die sie rechtzeitig gesehen haben.***

Der nächste Tagebuch-Eintrag datiert vom 1.1.2016. Da es jetzt natürlich ein bisschen unbefriedigend wäre, alles, was bisher geschah, einfach wegzulassen, versuche ich hier mal meine Schreibfaulheit durch einiges an freihändiger Retrospektive auszugleichen und dann mit ordentlich Bildmaterial aufzufüllen. Ich entschuldige mich hiermit beim Zukunfts-Lobosch und bei meinen Kindern, falls es dadurch nicht ganz so frisch und witzig klingt, wie ich es mir wünschen würde. Sei’s drum. Los geht’s:

Schon länger stand fest, dass ich mich im Winter ungern damit zufrieden geben würde, mich eine halbe Stunde täglich von meiner importierten Sonnenlichtlampe bescheinen zu lassen und den Rest der Zeit zu hoffen, dass es nicht so kalt würde, dass mir die Glieder gefrieren. Nachdem der anfängliche Plan einer Kuba-Reise aus Zeit-, Finanz- und Visagründen leider vorerst auf Eis gelegt werden musste und ich den Strand Florida’s einerseits schon kannte und mir andererseits auch gut als Spring Break Destination vorstellen konnte, entschied ich mich zusammen mit ein paar anderen internationalen Nasen für eine Rundreise durch Kalifornien.

Nachdem die Klausurphase erfolgreich abgeschlossen war, hieß es jedoch erst einmal Abschied nehmen. Abschied von all denjenigen internationalen Studierenden, die unsere Familie nach einem Semester schon viel zu früh und noch viel zu jung wieder verlassen mussten. Natürlich muss ich jetzt hier ein paar abgedroschene und hundertfach gelesene Sätze loswerden, dass es die perfekte Gruppe war und ich alle megadoll vermisse und wir uns ganz bestimmt bald alle wiedersehen und so cutes Zeugs… aber es stimmt halt, was kann ich also tun?
Ich kann gerade jetzt mit einem Vierteljahr Abstand sagen, dass Ihr (Ihr wisst, dass Ihr gemeint seid) mir hier sehr, sehr, sehr fehlt. Danke! Danke für ein unglaubliches Semester und all die kleinen Begegnungen und Gesten, die den Alltag hier so wunderschön gemacht haben. Danke für gemeinsam lachen über und mit den Amis. Danke für die vielen gemeinsamen Ausflüge, Unternehmungen und Reisen. Danke für die verfeierten Wochenenden und vernebelten Tailgates (kurz bevor die Gophers mal wieder verloren haben). Danke für die 4 Monate in der Austauschblase, die sich alle wünschen, die zum Auslandsstudium aufbrechen. Und danke für den fulminanten Abschluss mit einer gesunden Mischung aus Wehmut und Party!

In all der Aufbruchstimmung gab der Gedanke an den bevorstehenden Trip doch glücklicherweise ganz gut Auftrieb. Mehr Zeit blieb dann auch gar nicht, bis Ana und ich uns am 20. Dezember in den Flieger nach San Francisco setzten. Dort angekommen, regnet es in Strömen. Warum sind wir nochmal hergekommen? Achja…
Pünktlich vor Weihnachten kommt Fabio aus Las Vegas eingeflogen und wir beziehen ein kuscheliges 1-Zimmer-Apartment mit guter Aussicht. Damit es noch ein wenig kuscheliger wird, laden wir zu Heiligabend mit Christopher, Joelle, Lars und Marie noch vier weitere Gäste ein, ihres Zeichens Fulbrighter auf Roadtrip. Gemeinsam holen wir alles aus der kleinen Küche raus und zaubern uns ein ganz passables Weihnachtsessen.
In den Weihnachtstagen erkunden wir die Stadt, wandern bei sich endlich mal zeigender Sonne mit Leon und seinen Brüdern durch den Castro und Mission District, schauen uns den Campus der UC Berkeley an, hängen mit Seelöwen am Pier 39 ab, sehen Alcatraz schon mal aus der Ferne und spazieren natürlich auch über die Golden Gate Bridge.

Als Fabio uns am 27. verlässt und sich nach Hause gen Italien aufmacht, geht für Ana und mich der Roadtrip los. Wir mieten uns einen Minivan, welcher über eine Einbauküche verfügt und abends mit etwas Umbauanstrengung ein großes Bett hervorbringt. So haben wir fahrbaren Untersatz und Schlafmöglichkeit in einem, was bei dem kalifornischen Preisniveau auch bitter nötig ist, damit wir uns die ganze Geschichte überhaupt leisten können.
Das Leben im Van definiert “Draußensein” völlig neu. Nicht als etwas, das man sich aussucht, wenn es da mal schöner ist als drinnen, sondern gewissermaßen als Grund- und Urzustand, mit dem man manchmal eben auch kämpfen muss – nachts werden es bis zu 0°C, drei Schichten Decke helfen. Dafür erleben wir tagsüber das wohl schönste Stück Highway Amerikas: Die als Big Sur bekannte Gegend, gelegen am Highway 1, welcher San Francisco mit Los Angeles verbindet, überzeugt mit einer atemberaubenden Landschaft, felsigen Küsten und kristallklarem Wasser. Tagelang schwelgen wir in Aussichten, halten in jeder zweiten Parkbucht und unternehmen die eine oder andere Wanderung, wobei wir so einige hübsche Plätzchen entdecken. Duschen kann man hier leider nirgends und der Pazifik ist zu kalt, daher müssen wir uns kreative Lösungen einfallen lassen und so buchen wir mal heiße Quellen und suchen mal Campingplätze in der Umgebung auf, um wieder sauber zu werden.

Pünktlich zu Silvester zieht es uns dann aber doch wieder in die Stadt und wir werden rollend in L.A. gesichtet (komischerweise aber nicht gehated). Dort treffen wir noch einmal die Nudelbande aus Leon und seinen Brüdern und feiern Silvester im Grand Park mit digitalem Feuerwerk (enttäuschend) und auf einer Couchsurfing-NYE-Party in einem PodShare, also einem ehemaligen Fabrikgebäude, in das hippe Menschen ein paar Hochbetten gezimmert haben. Hier treffen wir einige spannende Menschen, nicht nur Couchsurfer/-innen, sondern auch gestrandete und angekommene Existenzen, die mittelfristig bis dauerhaft hier leben.
L.A. ist zusammen mit Chicago definitiv meine neue Lieblingsstadt in den USA. Meine Erwartungen waren eher gedämpft, da andere berichteten, enttäuscht gewesen zu sein. Ich finde es hier einfach cool: Eine riesige Stadt mit vielen verschiedenen Kiezen, erinnert mich ein wenig an meine Muddastadt Berlin. Ich entdecke hier meinen Faible für moderne Kunst (wieder; schon auf Yves Klein auf LK-Fahrt in Nizza bin ich damals abgefahren) und davon gibt es hier mehr als genug: Etliche Museen, wir versuchen möglichst viele davon anzuschauen, ohne uns zu hetzen. Das neue “Broad” ist sogar kostenlos, wenn man lange dafür ansteht. Für die berühmten Werke, die ganzen Andy Warhols und Roy Lichtensteins habe ich kurz vor Schließung aber nur noch 10 Minuten Zeit, da ich zuvor Stunden in einer einzigen Arbeit verbringe – “The Visitors” von Ragnar Kjartansson ist das wahrscheinlich inspirierendste Kunstwerk meines Lebens: Der Künstler verbringt eine Woche mit seinen Freunden in einem Landhaus und am Ende nehmen sie gemeinsam ein mehr als einstündiges Musikstück in einem One-Take auf. Der Witz dabei ist, dass alle einzeln in verschiedenen Räumen des Hauses gefilmt werden. Der Künstler selbst zum Beispiel sitzt mit seiner Gitarre in der Badewanne im Erdgeschoss. Gegen Ende stehen die Musiker/-innen dann nach und nach von ihren Plätzen auf und treffen sich in einem der Räume, um ganz zum Schluss mit der ganzen Crew singend durch den Garten des Hauses zu spazieren und in der Landschaft am Horizont zu verschwinden. Guckt es Euch an, wenn Ihr je die Gelegenheit dazu habt! Sehr, sehr feierlich. Ansonsten ist L.A. verhältnismäßig günstig und total divers, es gibt leckeres mexikanisches Essen und natürlich auch sehr glamouröse Ecken. Wir besuchen Beverly Hills, den Walk of fame und die Universal Studios. Was für ein Start ins neue Jahr!

Dann ist 2016. Das heißt, wer im Jahr zweitausend geboren ist, ist jetzt sechzehn Jahre alt. Irre. Ana und ich sind mittlerweile nach San Diego weitergereist. Die vielen Tage zu zweit auf dem engen Raum und plötzlich einsetzender El-Nino-mäßiger Regen zehren an den Nerven und es tut uns richtig gut mit Lars und Florian mal wieder “Dritte” zu sehen und in einer Wohnung zu schlafen. Lars haben wir beim Weihnachtsessen kennengelernt und er hat es uns nicht übel genommen, dass wir die Mitternachtsmesse frühzeitig verlassen haben, also dürfen wir bei ihm und seinem Mitbewohner übernachten. Da die beiden nach ein paar Tagen nach Hawaii abhauen, haben wir das Apartment sogar kurz zu zweit. In San Diego machen wir neben dem üblichen aber nicht weniger coolen Touri-Kram (Point Loma, USS Midway, Museen, Parks und Strände) einen Ausflug in die Sporthalle der Uni, um uns mal wieder körperlich zu ertüchtigen. In der dortigen Sauna sauniere ich neben angezogenen Pumpern (die schwitzen da drin mit Schuhen!). Außerdem kann ich natürlich nicht nein sagen, als ich in einer mexikanischen recommended-by-lonely-planet-Kaschemme die “Lobster Combo” auf der Speisekarte entdecke.

Von San Diego aus überqueren wir für einen Tag die Grenze zu Mexiko, zu Fuß, da die Karre in Mexiko nicht versichert ist. Tijuana ist beschaulicher als sein Ruf und unser Tag dort beschränkt sich auf das Auf- und Ab-Schlendern der Tourimeile. Dies ist der südlichste Punkt unserer Reise.

Wir treten den Rückweg an. An einer Tankstelle gehen wir beinahe einem Trickbetrüger auf den Leim: Mit einer rührenden Story verwickelt er uns in ein Gespräch über Gott und die Welt und will uns etwas Geld abschwatzen. Als wir ihm fast glauben, meldet sich zum Glück ein weiterer Tankstellenbesucher lautstark zu Wort, er sei von unserem Unglücksraben beklaut worden. Daraufhin verschwindet dieser sehr schnell auf der anderen Seite der Straße, wo sich eine baugleiche Tankstelle befindet und er seine Nummer von vorn startet. Wir beobachten ihn noch eine Weile, bis wir ihn aus den Augen verlieren und weiter fahren. Wir machen auch auf dem Rückweg noch einmal in L.A. Zwischenstation und erfreuen uns noch einmal an der Kunstmetropole.

Einen interessanten Schlenker machen wir durchs Silicon Valley: Die Welten von Google und Apple, die bei deutschen Fans wohl diametral auseinander liegen, sind in Wirklichkeit ganz dicht beieinander und die Mitarbeiter/-innen gehen gemeinsam Mittag essen. Das Valley hat tatsächlich einen ganz eigenen Charme. Im Endeffekt kennt man das aber alles schon aus den unzähligen Beschreibungen. Zum Arbeiten würde ich trotzdem wieder herkommen. Mein alter DSA-Freund Philipp macht gerade sein Praktikum an der Universität Stanford und ist so nett, uns den Campus zu zeigen.

Als wir den Van am 14. Januar in San Francisco zurückgeben, stehen 1932 miles auf dem Tacho.

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