West Coast Teil 1 und Nationalparks

Die erste Großstadt in den USA liegt nah an der Grenze: Seattle, ehemals sehr und immer noch ein bisschen hippe heimliche Hauptstadt des Staates Washington. Berühmt und bestimmt in den 60ern noch krass, siehe z.B. die sogenannte „Space Needle“, damals wohl allermodernste Architektur, wirkt heute etwas aus der Zeit gefallen. Berühmt für Starbucks, der erste Starbucks-Laden ist aber wirklich unspektakulär, wir landen zufällig drinnen und kommen nur aufgrund der langen Schlange darauf, dass dies hier ein besonderes Café der Kette, die in Europa keine Steuern zahlt, ist. Berühmt weiterhin für Windows, aber nachdem mein Computer nach Update auf das unsägliche Windows 10 ohne Rückfahrschein nun nach jeder Eingabe so um die zehn Minuten rechnet, haben Gates‘ Mitarbeiter Glück, dass keiner von ihnen uns in Seattle begegnet. Wir schlendern stattdessen über den Markt, auf dem sich vor allem interessante Meerestiere in den eisbedeckten Auslagen stapeln, von denen ich manche noch nie gesehen habe. Und genau hier, auf dem Markt in der Stadt, die auf dieser Reise bis jetzt am weitesten von meiner Heimatstadt entfernt liegt, begegnen wir einem Deutschen – soweit nichts Besonderes, wie das eben so ist, man erkennt sich an der Muttersprache, ärgert sich ein bisschen darüber, dass „hier schon wieder alles voller Deutsche“ sei und begrüßt sich dann doch kurz freundlich, indem man zum Beispiel ungefragt bis ungelenk in die Konversation der anderen Deutschen mit einsteigt und dabei am besten gleich noch seine Ortskenntnis demonstriert – der uns fragt, was wir hier machten und natürlich woher wir kämen und so finden wir heraus, dass er nicht nur auch selbst Berliner ist, sondern eben auch noch aus Reinickendorf kommt und das ist dann, obwohl er bereits vor Jahren ausgewandert ist, schon ein lustiger Zufall, „kleine Welt“ und so. Als wir ihm erzählen, wo wir schon überall waren und wie viele Wochen wir schon unterwegs sind, erwidert er nur erstaunt „Na Ihr müsst ja reich sein!“. Er stammt ganz offensichtlich aus einer Generation, in der langes Reisen, so wie wir es machen, noch unmöglich für junge Menschen wie uns, oder jedenfalls noch sehr unerschwinglich bzw. unüblich war. Kurz fühle ich den Globalisierungsgewinner in mir sich irgendwo bedanken. Zum Abschluss versuchen wir noch das Phänomen der Kaugummi-Mauer zu ergründen, aber wir können leider nicht herausfinden, wer hier wann den Trend gestartet hat, angekaute Kaugummis an die Wand zu pappen, bis diese komplett hinter dem bunten Kauwerk verschwunden war. Cool sieht es aber allemal aus.

Wir sind mittlerweile auf dem berühmten Pazifikhighway unterwegs, der die gesamte Westküste der USA herunterführt und zum großen Teil Highway 1, in Kalifornien zum Teil 101, heißt. Und der ist wirklich schön. Unterwegs eine Stippvisite in Portland, eine Stadt mit irgendwie Europäischem Flair, dann aber auch wieder überhaupt nicht, mit sehr vielen Food Carts und gratis Livemusik auf einem zentralen Platz. Glücklicherweise genau heute und genau jetzt gibt es die „Tunes at Noon“ und bei dieser von IKEA gesponserten Veranstaltung zieht es viele wohl arbeitende Menschen aus den Büros auf den Platz, um hier ihr Foodcartmittagessen zu verzehren und den Klängen lokaler „Stars“ – in Amerika ist der Weg zum „Star“ nicht so weit, dafür kommen darüber allerdings noch „Super-, Mega- und Gigastars“ – zu lauschen.

Danach fahren wir gleich weiter zum Cape Kiwanda, wo man mit dem Auto über eine Düne bis ans Meer fahren kann. Blöd ist nur, dass der Sand dort so plötzlich so weich wird, dass wir nach kurzer Zeit drin stecken bleiben. Hilfe lässt aber nicht lange auf sich warten, kurz nachdem wir die missliche Lage erkannt haben, kommen schon drei hilfsbereite Burschen aus South Dakota herbeigerannt und mit einem freundlichen „Helping out Minnesotans is our pleasure!“ auf den Lippen schieben sie mit uns das Auto an, bis es wieder festen Boden unter den Rädern hat.

Die Oregon Coast besticht durch abwechselnd urwaldige und strandige Abschnitte. An einer Bucht, um die besonders viele Autos parken, steigen wir auch aus, denn die Erfahrung bis jetzt hat uns gelehrt, dass es dann auch meistens was zu sehen gibt. Tatsache: In der Bucht tummeln sich „hunchbacks“, Buckelwale! Diese zu sehen, ist am Anfang schwierig, da sie immer nur für ein, zwei Sekunden auftauchen, aber mit der Zeit haben wir den Dreh raus und bleiben noch lange genug, um so einige Wale auf- und abtauchen, prusten und mit der Schwanzflosse wedeln zu sehen.
So arbeiten wir uns langsam aber sicher weiter in Richtung Kalifornien vor. Man merkt leider, dass die Tage kürzer werden, je weiter wir südwärts reisen, außerdem schreitet das Jahr ja auch unerbittlich voran, und so müssen wir immer Teile der spektakulären Küstenstraße im Dunkeln fahren, obwohl wir gerne alles sehen würden. Wir kochen viel dieser Tage und weil es oft sehr windig ist, haben wir eine neue Technik entwickelt, bei der wir den Gaskocher im windgeschützten Auto betreiben. Alles safe, Julius hat das schließlich studiert. Wir kommen an einem Supermarkt vorbei, welcher eine bemerkenswert lächerliche Marketing-Strategie für sich entdeckt hat, nämlich als „Grocery Outlet“ zu den durchschnittlichen Preisen ihrer Ware völlig überhöhte „elsewhere:“-Fantasiepreise zu schreiben, um damit den Kauf günstiger anfühlen zu lassen. Mich würde interessieren, bei welchen Menschen das im Kopf funktioniert. Wir kommen außerdem mit dem Schrecken davon, als uns des nachts ein Reh vor das Auto rennt. Glück gehabt, nicht erwischt.

Kurz vor San Francisco schauen wir uns im Nationalpark die mächtigen Redwoods an, die wahrscheinlich größten Bäume der Welt. In San Francisco angekommen, herrscht dort die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag so ein Nebel, dass wir die Hand vor Augen kaum erkennen können, geschweige denn die Golden Gate Bridge (selbst während wir drüber fahren) oder die hübsche Downtown-Skyline an der Bay. In San Francisco haben wir endlich mal wieder die Chance, uns nachts auszustrecken. Hier dürfen wir nämlich bei Jim, Paris und Austin im Wohnzimmer übernachten, welche Freunde von Alex Laskaris sind. Die drei haben eine supergeile Wohnung in einem der bunt angestrichenen viktorianischen Häuser am Alamo Square, den sogenannten „painted ladies“, die eine der Attraktionen des Stadtbilds darstellen. Wir haben eine super Zeit dort, kochen zusammen, hören aus Jims Plattensammlung, was er gerade so rauszieht, unter anderem Chinesische Opern und deutsche Weihnachtslieder. Besonders freue ich mich, als ich herausfinde, dass Austin und Jim wie ich auch zum Burning Man Festival fahren. Die beiden haben sich mit zwei Freunden ein größeres Projekt vorgenommen und werkeln im Box Shop an ihrem „geodesic dome“, einer aus sehr vielen Stangen und Brettern zusammengeschraubten, riesigen Kuppel, in der sie in Hängematten schlafen wollen. Wir besuchen Jim in der Werkstatt und sehen, wie hier für das Festival in 3 Wochen von vielen kleinen Teams so richtig was wegvorbereitet wird. Eine Metallkonstruktion überragt die andere und an allen Ecken und Enden wird geschweißt, gesägt, gebohrt und zusammengesetzt. Dies steigert meine Freude auf das Festival nochmal, weil ich nun die ganze Crazyness dieses Festivals, vorher nur von Bildern und aus Berichten bekannt, zum ersten Mal zum Greifen nah erlebe.
Außerdem treffen wir in San Francisco Raika, unsere Freundin und (mittlerweile leider ehemalige) Mitbewohnerin aus Berlin, spazieren zusammen durch den Golden Gate Park und Land’s End und essen in Chinatown zum Mittag. Wir gehen im mittlerweile gentrifizierten Mission District shoppen und ich zeige Julius bei einer kleinen Tour den Bezirk Castro. Am Ende unseres viertägigen Aufenthaltes haben wir also alles von San Francisco gesehen, bis auf die Golden Gate Bridge, welche sich – saisonbedingt, wie wir immerhin mittlerweile erfahren haben, das tröstet ein wenig – immer noch geheimnisvoll in Nebel hüllt.

Nach diesem Städtetrip wartet nur einige Meilen die Küste hinunter nun wieder ein Abenteuer ganz anderer Art auf uns: Big Sur, das meiner Meinung nach schönste Stück Küste der Welt. Es ist schön wieder hier zu sein, die Stimmung ist jedoch etwas gedrückter als beim letzten Mal, da gerade Waldbrände wüten und viele Menschen ihr Zuhause verloren haben. Das sieht man sofort an den vielen – teils professionell gedruckten, teils handgebastelten – „Thanks Firefighters!“-Schildern an den Ortseingängen. Das sieht man auch am Rauch, der von mehreren Brandherden die Abhänge zur Küste herunterweht. Und an den vielen für Besucherverkehr gesperrten Parkplätzen direkt am Küstenhighway, die zugeparkt sind mit Einsatzfahrzeugen der Feuerwehr, auf denen kleine Trupps von gelb gekleideten firefighters ihre Meetings und Briefings abhalten. Man riecht es sogar: Obwohl meine Nase seit mehr als einer Woche verschnupft und verstopft ist und ich beim Essen kaum noch etwas schmecke, kommt dieser Geruch den Rezeptoren noch alarmierend genug vor, um im Gehirn „Gefahr“ zu signalisieren. Durch die große Präsenz der Feuerwehr sieht es aus, als wäre das Feuer einigermaßen eingedämmt, tatsächlich sind wohl aber erst 6% der brennenden Fläche unter Kontrolle. Eines Nachts können wir den glimmenden Wald sogar von der Straße beobachten. Trotzdem enttäuschen die Henry Miller-Gedenkbibliothek, die Sonnenuntergänge und vor allem die Ausblicke auch diesmal nicht. In Carmel-by-the-Sea bekommt man erfahrungsgemäß besonders schöne Sonnenuntergänge zu sehen und so sind wir erst einmal etwas enttäuscht, als wir an einem bewölkten Strand stehen und von der Sonne so gar nichts zu sehen ist. Diese Enttäuschung verfliegt aber schnell, als statt der Sonne ein paar Delfine auftauchen und ihre Abendschwimmrunden in der Bucht drehen. Mit der Übung, die wir bei den Buckelwalen einige Tage vorher gesammelt haben, können wir die Tiere ganz gut aufspüren und eine Weile lang beobachten.

Dann kommen wir in L.A. an. Irgendwie bin ich gerne hier. Es gibt so viele verschiedene L.A.s, ein bisschen wie in Berlin, viele Kieze, nur mit noch viel größeren Unterschieden zwischen diesen Bezirken als zuhause. Wir ziehen kurz auf den Walk of Fame und an den Strand und bald darauf müssen wir dann auch schon zum LAX (Sprich: Lachs), um Sebastian abzuholen. Puh, da haben wir es doch noch rechtzeitig geschafft. Dass wir am Flughafen dann doch noch stundenlang auf Basti warten müssen, da dieser im Hinterzimmer von Officer Fernandez verhört wird, ist eine andere Geschichte. Basti hat sie auf seinem Blog erzählt.

Als wir den von einer durchfeierten Nacht, einem langen Flug und einem Spezialverhör sichtlich gezeichneten Atzen hinten ins Auto laden, pennt uns der sofort weg. In der Ruhe der Nacht rollen wir dann direkt wieder raus aus der Stadt und rein in den Yosemite Nationalpark. Dort gibt es viele große Steine, für Kletterer muss es ein Paradies sein, und einen hübschen See. Nett anzusehen, aber mir dann doch etwas zu abgekultet und Yosemite kann vor allem gegen die anderen, gigantischen Nationalparks der USA nicht anstinken. Das Schlafen im Auto zu dritt klappt einigermaßen okay, wenn wir Kopf an Fuß liegen (der falsch herum liegende Mittelplatz wird in der ersten Nacht per Sching-Schang-Schong vergeben und fortan jede Nacht rotiert), eng ist es aber allemal. Damit wir keine Campingplatzgebühren bezahlen müssen, quetschen wir uns aber trotzdem einfach zu dritt ins Bett und stellen das Auto auf einem Parkplatz ab. Am ersten Morgen im Yosemite erwache ich um kurz nach 6, mein Bett bewegt sich und das ganze Auto dazu. Ein kurzer Blick verrät mir, dass sich Basti hinters Steuer geklemmt hat und Julius und mich einfach im Bett liegend auf einen anderen Stellplatz umparkt, weil wir von Forstarbeitern verscheucht wurden, die ihm erklärt hätten, dass wir leider mitten in der zukünftigen Baustelle geparkt hätten. Basti ist dank Jetlag schon wach und setzt dann einfach kurzerhand um – ein Mann der Tat!

Weil wir Raika in L.A. noch einmal treffen wollen, war der Yosemite roundtrip aber eh nur ein Abstecher und nach 3 Tagen sind wir schon wieder zurück in der Stadt der Engel. Diesmal können wir aber coolerweise direkt mit in ihrem Hotel schlafen und so bekommen unsere Rücken mal für zwei Nächte wohltuende Marriot-Matratzen zu spüren und man kann sich in den großen Betten auch mal umdrehen, ohne gleich die gesamte Mannschaft aufzuwecken. Wir verleben zwei tolle Tage voller Strand und Essen und Olympia gucken und gucken uns, nicht mehr alle von uns komplett nüchtern, die Kunst im Getty Center und das Center an sich, sehr schön auf einem Hügel gelegen und nur mit einer kleinen Tram zu erreichen, an.

Ein Highlight jagt im Moment das andere und da ist es ganz gut, dass unser nächster Stopp Las Vegas mal auf ganzer Linie enttäuscht. Wobei „enttäuscht“ irgendwie auch wieder das falsche Wort ist, dazu müsste man ja Erwartungen gehabt haben. Es ist einfach ziemlich uncool hier. Wir tigern zwei Tage lang über den Strip, es ist viel zu heiß und alles viel zu teuer. Ständig bekommen wir als Gruppe von drei Jungs Drogen und Titten feilgeboten, das Ablehnen und Abwimmeln nervt nach einiger Zeit erheblich. Zudem versuchen wir zuerst, im Parkhaus des Bellagio im Auto zu übernachten, was sich bei 45°C aber als dumme bis sehr dumme Idee entpuppt, woraufhin wir auch noch gut angeknallt einmal durch die Stadt umparken müssen und in der anschließenden „Nacht“, die eigentlich längst Tag ist, Motor und Klimaanlage auf höchster Stufe laufen lassen müssen, was die Tankfüllung um mehr als ein Drittel dezimiert. Wir machen noch die Standard-Tourimoves, ich setze beim Roulette den Mindesteinsatz auf Schwarz (danke Merlin für den Tipp), gewinne und verspiele den Gewinn danach in 3 weiteren Partien sofort wieder. Außerdem noch ein schnelles Foto vor dem „Welcome to fabulous…“-und-so-Schild, weil wir besonders kreativ sind und uns die Schlange(!) schenken wollen, aber einfach mal von der Rückseite, die sich da liest „Drive carefully – come back soon“. Nein danke, weder noch.

Weiter, immer weiter, nun endlich wollen wir mal diese ganzen Naturwunder sehen, für die die Landschaft Amerikas so berühmt ist und die ein Hauptgrund für mich waren, überhaupt herzukommen. Auf dem Weg zum Zion Canyon liest Julius aus dem Lonely Planet vor: „Juli und August sind normalerweise die regenreichsten Monate“ und kaum hat er den Satz fertig gelesen, fängt es an zu schütten und wir finden uns mitten in einer Sturmflut wieder, welche die Straße in einen, aufgrund des roten Bodens rot-braunen, Fluss verwandelt. Wir können uns auf einen halbwegs trockenen Parkplatz flüchten und das Ende des Schauspiels abwarten. Der Zion Nationalpark ist supergeil. Mit einem Shuttlebus fahren wir bis zum Angel’s landing Wanderweg, hier klettern wir an Ketten auf einem schmalen Grat in schwindelerregenden Höhen, bis zu der Stelle, wo in irgendjemandes Fantasie die Engel gelandet sind. Leider setze ich noch meine blöde Idee durch, unseren fliegenden Ring von oben auf die 300m tiefer liegende Straße herunter zu werfen, beziehungsweise dies zu versuchen, denn natürlich scheitere ich kläglich, der Wind erfasst das Fluggerät nach wenigen Metern und es verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen in die Weiten des Canyons. Keine Chance, den jemals wieder zu finden. Dann müssen wir ab jetzt halt Football spielen.

Auf den Zion folgt der Bryce Canyon und der ist landschaftlich auf jeden Fall mit das Verrückteste, was ich in meinem Leben je zu Gesicht bekommen habe. Am „inspiration point“ breitet sich vor dem (auf jeden Fall inspirierten) Zuschauer ein natürliches Amphitheater mit hunderten von „hoodoos“, dünne, schmale aber hoch aufschießende Felsen, die ein wenig an Finger erinnern, neben- und voreinander aus. Gerne würde ich diesen Eindruck mit noch viel mehr Worten würdigen, aber sowas fällt mir ganz schwer zu beschreiben, außerdem ist dieser Park meiner Meinung nach etwas, das jeder Mensch mal gesehen und gefühlt haben sollte. Schaut Euch die Bilder an, um einen Eindruck zu bekommen, aber besucht auf jeden Fall einmal im Leben den Bryce Canyon. Muss man gesehen haben!
Abends sneaken wir ins Monument Valley, das „MV Arizonas“, nur dass hier keine grauen Hochhäuser dicht gedrängt stehen, sondern rote Felsen in einer roten Wüste. Die sind aber fast genauso hoch. Wir erkunden den Park der Native Americans hauptsächlich autofahrend auf einem 17 Meilen langen „scenic drive“ über eine Sandpiste, die für unseren Dodge van wahrscheinlich eine üble Zumutung ist. Ständig finden wir durch den Sucher der Kamera neue Felsformationen und Porno-ramas (so bezeichnet Basti ein Panorama, welches in der Lage ist, spontane Orgasmen beim Betrachtenden hervorzurufen). Immer wenn man denkt, dass man jetzt wirklich das ultimative Bild hat, kommt um die Ecke ein noch beeindruckenderes. Kein Wunder, dass hier viele Western gedreht wurden, die Landschaft bildet DIE Westernkulisse schlechthin.

Der Grand Canyon ist, wie der Name schon suggeriert, vor allem: groß. Da wir nicht mit ausreichend Zeit und vor allem Ausrüstung ausgestattet sind, entscheiden wir uns gegen eine Wanderung bis ins Tal. Diese würde mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen, eine Übernachtung im Canyon erfordern und abgesehen davon auch bei den weiter unten herrschenden Temperaturen von bis zu 50°C ganz schön an die Substanz gehen. So wandern wir auf der schöneren der beiden Wanderrouten, die an der south rim (der Südkante des Canyons) starten, bis zum Skeleton Point, in welchem die auf der Karte gelb dargestellte Subkomfortzone langsam in die rote Gefahrenzone übergeht. Der Canyon in seiner schieren Riesigkeit und mit den hübschen Farben ist auf jeden Fall beeindruckend, nach drei anderen Nationalparks in der letzten Woche aber nicht mehr so überwältigend, wie er vielleicht für jemanden ist, der nur oder zuerst hier her kommt. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen, dass mich der Bryce Canyon am meisten beeindruckt hat.

Lange überlegen wir, ob wir überhaupt zum „Four Corners Monument“ fahren sollen. Laut Rezensionen aus dem Netz werden die $5 Eintritt durch nichts gerechtfertigt. Unser Kompromiss besteht dann schließlich darin, dass wir Julius auf der Rückbank unter einem Haufen Decken und Rucksäcken verbuddeln und an der drive-through Kasse mit unterdrücktem Lachen für zwei bezahlen. Das Monument lässt unser schlechtes Gewisse auch schnell wieder abklingen, es kann, wie zu erwarten war, nicht viel. An der einzigen Stelle der Welt, an der 4 Staaten in einem Punkt aufeinandertreffen, ist in den Boden eine Platte eingelassen, die die Grenze nachzeichnet und beschreibt wo die Territorien von Utah, Arizona, New Mexico und Colorado verlaufen, dahinter sind die entsprechenden Flaggen gehisst. Wir spielen eine Runde Twister („linker Fuß auf Colorado…“) und hauen wieder ab. Auf dem Weg in Richtung Grand Canyon finden wir noch einen Stand der Navajo, die an der Straße selbst geerntetes Obst und Gemüse verkaufen und kleine Gerichte kochen, die billig sind und lecker.

Nach den ganzen Wanderungen und dem Bestaunen von so viel Natur, sind wir froh in Prescott, Arizona bei Lydia, einer alten Freundin meiner Großtante Hannelore übernachten zu dürfen. Hier können wir mal einen Tag und eine Nacht richtig ausspannen. Zudem zeigt uns Lydia ihre Wahlheimat, ein gut erhaltenes Western-Städtchen mit Saloons und allem Drum und Dran. Wir gehen ins Sharlot Hall Museum, welches in restaurierten Originalgebäuden, dem ehemaligen Wohnsitz des Governors, Zeugnis über die Zeit des Goldrausches und der „Kolonialisierung“ dieser Ecke hier ablegt.


Auf der Weiterreise streikt meine VISA-Karte plötzlich. Als ich bei der Bank anrufe, um zu fragen was da los ist, fragen die mich, ob ich denn wirklich in den letzten Wochen in den folgenden (es wird aufgezählt) 15 Staaten plus Kanada eingekauft hätte. Dem Algorithmus war mein Gebaren wohl etwas suspekt und so hat er kurzerhand meine Karte gesperrt. Ich erkläre, dass das alles schon so seine Richtigkeit hat und gebe, als ich gefragt werde, in welchen Staaten ich mich denn vor hätte demnächst aufzuhalten, großspurig an: „Alle“. Danke und weiter.

Schon müssen wir wieder nach Los Angeles, diesmal, um Julius zu verabschieden. Einen Tag lang checken wir noch kurz die Hood in Compton ab, genießen noch ein bisschen den Strand und packen seinen Koffer. Netterweise nimmt Julius eine ordentliche Menge Zeug von mir mit nach Hause, da ich mittlerweile wohl mindestens 2,5 Stück Aufgabegepäckfüllungen gesammelt habe. Am LAX, wo wir vor gut zwei Wochen Basti empfangen haben – Gott ist das alles schon wieder eeeewig lange her – schicken wir nun Julius mit den besten Wünschen heim nach Berlin. Julius war der beste Reisekumpel, den ich mir für den Start dieses Abenteuers hätte wünschen können. Wahnsinn, was wir alles zusammen erlebt haben. Julius, wenn du das liest: Ich hab Dich ganz doll lieb (und dein Geld bekommst Du auch wieder, ich schwöre)!

Viel Zeit, Julius nachzutrauern bleibt allerdings nicht, denn auf direktem Weg fahren wir vom Flughafen nach San Francisco, wo Jona und Floh bereits seit 2 Tagen auf uns warten. Direkter Weg bedeutet nicht die schöne Küstenstraße hoch, sondern den I-5 und auf dem staut es sich mal wieder stundenlang. Obwohl wir pünktlich um 17 Uhr in L.A. losfahren, dauert es so bis 5:30 Uhr am Morgen, dass wir die halb erfrierenden Atzen an einer Bushaltestelle einsammeln und im Auto auf Betriebstemperatur erwärmen können. Aus dem Hotel Capitán haben die beiden zum jetzigen Zeitpunkt bereits ausgecheckt, da wir ja eigentlich am Abend ankommen wollten. Wir pennen an der Golden Gate Bridge und zwar, neuer Rekord, zu viert im Auto. Dazu quetschen wir uns oben wieder zu dritt und räumen dazu einen der unteren beiden Stauräume komplett aus, in den sich Jona auf einer Isomatte kauert. Wenigstens zeigt sich die Brücke am nächsten Morgen und der Nebel, der mich mit Julius noch verfolgt hatte, hat sich etwas gelichtet.
Wir vier brauchen mehrere volle Tage, um uns auf das Burning Man Festival, der Hauptgrund für das Dazustoßen der beiden neuen Mitreisenden, vorzubereiten. Wir kaufen und verkaufen Fahrräder und Fahrradgepäckträger, Schutzbrillen, Staubmasken, Einhörner, Lichter und Tütüs. Das zieht sich, wir müssen durch die gesamte Bay Area gurken, um Craigslist-Menschen zu treffen und im Internet immer wieder gegenchecken. Am Ende haben wir uns eine Strategie und das Grundmaterial zurechtgelegt, mit dem wir die Wüste überleben werden. Hoffentlich. Dann haben wir endlich nochmal Zeit für etwas Urlaub vom Urlaub, fahren schon wieder kurz nach Big Sur und zum wunderschönen Sorona-Pass, wo wir am Morgen von Armee-Kolonnen geweckt werden, die hier natürlich genau heute ihr großes Sommermanöver starten müssen.

Am Samstag fahren wir zum Burning Man.

2 Gedanken zu „West Coast Teil 1 und Nationalparks

  1. Danke, gestern gewünscht und heute schon in Erfüllung gegangen, deine Fortsetzungsgeschichte. Machst du bitte auch ein Buch daraus? Zumindest für Hannelore! Heute „burning man“? Auch wieder spannend. Fliegt ihr zu dritt zurück? In Liebe deine O. Bärbel

  2. Lobosch! Ich freu mich immer wieder über Deine Berichte und bin stille Leserin Deines Blogs, das wollte ich Dich mal wissen lassen. Auf bald, J.

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