Staatsmacht und Gastfreundschaft

Wir brauchen 4 Stunden durch den Stau der Stadt. Um kurz nach 3 Uhr bitten wir Levan uns rauszulasssen, wir haben das Gefühl, hier einen exklusiven Campingplatz zu finden. Es vergeht eine Stunde in der wir von der Autobahn herunterlaufen, mit waghalsigen Kletter- und Sprungaktionen das Ufer erreichen, nur um es für felsig und ungeeignet zu befinden, wieder zurückzugehen, über die Autobahn und eine Schnellstraße klettern, einen Hügel hinaufstapfen, bis wir ein Schild mit einem dreieckigen Campingplatzsymbol erreichen (es köntte jedenfalls Campingplatz bedeuten).

Als wir zum Torbogen, der den Eingang des eingezäunten Geländes markiert, kommen, können wir darauf „JANDARMA“ lesen. Ich behaupte, dass das Polizei heißen muss, werde aber eines Besseren belehrt, als der Typ am Eingang uns auf Türkisch anbrüllt und seine M16 auf uns richtet. Leider wissen wir nicht, ob er „Kommt mit erhobenen Händen näher!“ oder „Ich zähle bis 3, dann schieße ich. 1,2…“ oder „Lang lebe Erdogan!“ brüllt. Der Köter, der kläffend zwischen und steht, macht die Kommunikation über 150m nicht gerade einfacher. Wir trauen uns keinen Schritt näher heran und so warten wir, bis der Wachmann seinen General aus der Kaserne geholt hat. Der winkt uns rein, guckt, ob in Felix‘ Gitarrentasche nicht eine Waffe drin sein könnte, kassiert unsere Pässe und läd uns im Aufenthaltsraum ab.

Nach und nach kommt die halbe Belegschaft rein, Soldaten in unserem Alter, die meisten in Jogginganzügen, weil natürlich längst Nachtruhe war. Alle sprechen nur türkisch und unsere Konversationen mit jedem einzelnen gehen ungefähr gleich: wir zeigen auf uns und sagen „Almanya, Berlin“. Sie sagen „Ahh, Almanya. Futbol? Bayern Münih?“ Wir sagen “ Jaja, futbol. Galatasaray, Fenerbahce, Beşiktaş.“ und natürlich „Mesut Özil“. Dann freuen wir uns alle und lachen uns an. Danke, Mesut, den Integrations-Bambi hast Du Dir echt verdient. Dann lässt der General jemanden wecken, der Englisch spricht. Ferhad kommt völlig verpennt aus seiner Koje und muss während seines 5-monatigen Wehrdienstes für irgendwelche Spinner den Übersetzer spielen. Der General kommt alle Nase lang rein und stellt ein paar Fragen, vor allem will er wissen, wie wir in dieser gottverlassenen Gegend gelandet sind und wo wir denn jetzt gedenkten hinzugehen. Wir erklären mehrmals, dass wir uns eigentlich nur auf’s Ohr hauen wollen und ein Plätzchen für unsere Zelte suchen. Es vergeht eine Stunde im Warteraum, ein Kollege hat mittlerweile die Aufzeichnung von Barça vs. Granda auf dem Plasma-Fernseher aufgelegt und uns wurden Wasser und Obst angereicht. Ferhad erklärt uns jetzt den Weg zur nächsten Wiese: Die Autobahn Richtung Istanbul 5km runter und da dann am Ufer. „Any questions?“ Nö. Da jetzt noch hinzulaufen haben wir aber 0 Bock.

Thank you, Ferhad!

Thank you, Ferhad!

Wir gehen raus und Ferhad lacht und betont, dass man auf die türkische Gastfreundschaft noch etwas geben könne, sie fahren uns hin. Und so cruisen wir im Feldjägerbus mit 5 Mann Eskorte dahin. Der Wachmann der Kaserne entschuldigt sich noch, als wir vorbeikommen, er hatte wohl genauso viel Schiss wie wir vorhin.

Wir werden an einer Wiese direkt am Meer abgeladen und grillen im Morgengrauen noch unser bulgarisches Fleisch.

2 Gedanken zu „Staatsmacht und Gastfreundschaft

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