La Paz

Busfahren hier ist schön: egal ob cama oder semi-cama

Busfahren hier ist schön: egal ob cama oder semi-cama

Wir fahren mit einem luxuriösen Bus-Cama nach La Paz über Nacht. Die gibt es hier in verschiedenen Varianten und zeichnen sich durch deluxe-Sessel, die man 160° oder mehr nach hinten verstellen kann, aus. Weiß kein Mensch, warum sich die bei uns noch nicht durchgesetzt haben. Beim Ausstieg lernen wir eine kleine Familie kennen. Als wir auf der Suche nach einer erschwinglichen Unterkunft durch’s Touriviertel irren, kommt uns genau jene wieder entgegen. Wir beziehen zusammen ein 4er-Zimmer und lernen den 16-jährigen Guido, die 27-jährige Basilia und ihren 3-jährigen Sohn Jahfel näher kennen. Anfangs herrscht noch Verwirrung unsererseits über die Familienkonstellation, bis Basilia und förmlich erlöst, als sie Guido „hermanito“, Brüderchen ruft.

Schon im Vorhinein haben wir uns mit Elsa, einer Freundin von Julias Schule, verabredet. Sie kommt uns am Hexenmarkt, in dessen Umgebung wir wohnen, abholen. Zusammen besuchen wir das Coca-Museum, wo es viel zu lesen gibt über bolivianische Dschungellabore, Sigmund Freud als ersten exzessiven Kokser und die Coca-Cola-Company, die von einem mittellosen Apotheker 18schießmichtot für 1,75$ aufgekauft wird. Zwischendurch wird immer wieder betont, wie gesund und wohlwirkend die naturbelassenen Coca-Blätter sind.

Nach einem Mittagessen im südlich gelegenen Sopocachi-Viertel verpassen wir 2 micros (so heißen die kleinen Busse mit ca. 10 Plätzen) ins Stadtzentrum wegen Überfüllung (20 gehen da schon rein!), bis uns eine Frau anspricht und auf den Geburtstag des Kinos um die Ecke hinweist, welches heute Klassiker der bolivianischen Filmgeschichte for free zeigen würde. Wir schauen einfach mal vorbei und staunen nicht schlecht, als wir plötzlich in einer ARD-Produktion von 2010 sitzen, die „Bremer Stadtmusikanten“ als OmU mit spanischen Untertiteln. Wir feiern uns nach dem Geschmack unserer Nachbarn etwas zu laut auf dieses Highlight bolivianischer Hochkultur und beschließen dann, dass es das nicht gewesen sein soll und gucken uns im Anschluss noch „El Atraco“, welcher ein wenig an die Story von Butch Cassidy und Sundance Kid erinnert, an. Dann ist es auch schon Zeit fürs Abendessen und weil heute Tag der divine order ist, treffen wir jeweils zufällig noch einen Kumpel von Marie aus Cochabamba und vor dem viel zu teuren indischen Restaurant (außerdem ist Basmati-Reis aus, frech.) später noch David, einen Mit-FSJler von Elsa aus Peru.

Der nächste Tag beginnt chillig im Internetcafé. Plötzlich klimpert es rechts neben mir, ein Mann beugt sich herunter und fragt, ob das da mein Schlüssel wäre. Zum Glück habe ich vorher im Reiseführer, dass La Paz in Sachen Kriminalität zum „südamerikanischen Standard“ aufschließe. Nur deshalb bin ich fix genug und greife nach meinem Rucksack zu meiner Linken, kurz bevor der Komplize bei mir ankommt und jetzt unverrichteter Dinge vorbeigehen muss. Keine Sekunde zu früh. Kurz danach kommen 2 Bolivianer rein, um uns vor Dieben zu warnen, die uns angeblich schon seit der vorletzten Straßenecke verfolgen. Danke, dann haben wir das auch einmal erlebt und schadlos überstanden.

Unsere Zimmernachbarn sind extra wegen eines Fußballspiels heute angereist. Das Lokalderby zwischen Bolivar La Paz & The Strongest La Paz steht ins Haus. Das lassen wir uns nicht entgehen und lassen uns Karten mitbringen. Nachdem wir uns in Bolivar-Farben eingekleidet haben, gibt Elsa einem Journalisten live ein Radio-Interview und analysiert, dass Bolivar trotz Niederlage letzte Woche gegen Santa Cruz natürlich souverän gewinnen wird. Wir sind rechtzeitig im Stadion, um uns geile Plätze in der komplett blauen Bolivar-Fankurve zu sichern. Platzkarten gibt es hier nicht. Wir gewinnen 2:0, das Niveau Regionalliga. Hier im Stadion wird einem nochmal deutlich bewusst, dass Kinder ab 10 Jahren ganz normal arbeiten müssen. Alle, die hier Getränke und Snacks verkaufend 90 Minuten pausenlos durch die Gänge hustlen, sind entweder minderjährig oder Rentner. Anscheinend habe ich heute ein schlechtes Karma, denn als ich ein paar Reihen hochsteige, um mir eine gratis Knalltüte zu holen, erwischt es mich doch noch und mir werden aus der Hosentasche (!) 60 Bs geklaut. Besser als der Ruckack, denke ich mir. Abends verabschieden und bedanken wir uns von und bei unseren Freunden, für die morgen wieder eine normale Woche beginnt.

Es folgen 2 Tage La Paz mit 4 Museen & einigen Spaziergängen durch die Stadt, dem Schwarzmarkt und schließlich dem Abschied von Elsa. Außerdem shoppen wir eine Death-Road-Tour und entscheiden uns, danach unten im warmen Coroico zu bleiben.

Ein Gedanke zu „La Paz

  1. Pingback: Copacabana und Schluss | loboschunterwegs

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