Trujillo

Die Busfahrt nach Trujillo wird trotz Panorama-Plätzen mal wieder zur Zerreissprobe für die Nerven. Die Frau am Schalter der billigsten Linie drückt sich zur Ankunft absichtlich unklar aus, der Bus hat stundenlange Wartezeiten an Provinzbahnhöfen mit Schotterboden, ziemlich matsche kommen wir um 4 Uhr morgens an. Ins Hostel lohnt sich irgendwie nicht mehr, deshalb lassen wir uns zur plaza de armas (so heissen fast alle grössten Plätze in Südamerika) fahren und entspannen bis zum Morgengrauen auf Parkbänken. Mit einer Süddeutschen Reisenden frühstücken wir auf dem Markt und lassen uns dann zur WG von Elsa und Tilman fahren, wo gerade auch Celia aus Berlin zu Besuch ist, alle von Julias Schule. Dort angekommen klingeln wir Elsa wach und erleben die langsam erwachende WG im Katerzustand. Wieder haben wir Einblick in das Leben von Freiwilligen kurz vor Ende ihres Voluntariats und wieder ist alles andersals an den Stellen, die wir bisher erlebt haben. Das soziale Projekt „Arpegio“, in dem neben Tilman und Elsa noch 10 weitere Freiwillige arbeiten, ist musikalischer Natur: Hier können peruanische Kinder und Jugendliche Musikinstrumente spielen lernen und im Orchester mitwirken.Die Kosten sind sozialverträglich gestaffelt, 55% der Schüler zahlen gar nichts für ihren Unterricht. Die Lehrer sind Freiwillige aus Deutschland oder Peru, zum Teil selbst ehemalige Arpegio-Schüler. Das Projekt ist in den letzten Jahren stark gewachsen, ca. 300 Peruaner lernen hier klassische Musik kennen, spielen und lieben. 10 Deutsche leben in den ziemlich engen Räumen über der Musikschule. Zum gemeinsamen Frühstück kommen sie nach und nach aus ihren Betten gekrochen.

Wir quartieren uns in einem Hostel nahe der Plaza ein, da hier in der WG wirklich kein Platz mehr gewesen wäre. Gleich am ersten Abend hier erleben wir bei einem Vorspiel der Schüler die Herzlichkeit und die Nähe, die sich zwischen den Freiwilligen und ihren Schützlingen entwickelt hat. Denen wird ausser Musikunterricht noch viel mehr geboten. Da wird gekuschelt und geklönt, sich zum Essen eingeladen und zusammen gespielt. Vor allem für die Heimkinder, die im Rahmen des Projekts unterrichtet werden, sind die Freiwilligen Elternfiguren. Nach dem Vorpsiel überredet der smarte Freiwillige Yannis die müde Meute noch ins naha gelegene Surferdorf Huanchaco zu fahren. Die Cocktails kosten zur Happy-Hour 3S (weniger als 1 Euro), wir kommen kurz vor Ladenschluss an, was uns aber nicht davon abhält, uns noch ordentlich zu betrinken.

Am nächsten Tag fahren wir mit Celia zu den Huacas del Sol y de la Luna, sehr sehr alte archäologische Stätten in der Nähe von Trujillo. Hier hat die Moche-Kultur 800 v. Chr. angefangen, sich eine Stadt mit 2 riesigen Komplexen, einem Verwaltungsgebäude (Huaca del Sol) und einem Tempel (Huaca de la Luna, man sieht an der Namensgebung, wie Religion und Staat zueinander standen) zu bauen. Von der Stadt ist nicht mehr viel  übrig, aber die beiden Huacas stehen heute wieder fast vollständig ausgebuddelt da. Hier graben auch heute noch Forscher von der Uni und entdecken immer neue Teile. Die ganze Ausgrabungsstätte ist privat und von einer grossen peruanischen Brauerei betrieben, was erstmal ganz lustig ist, vor allem aber dazu führt, dass hier ausnahmsweise richtig gute Führungen angeboten werden, da die Guides auf Trinkgeld (haha!) angewiesen sind.

Wir begleiten Celia ausserdem bei Tag nach Huanchaco und beschliessen, bald hierher umzuziehen. Vorher steht aber noch die Abschiedsparty der FSJler in ihrer WG an. Alle peruanischen Freunde, die sich über das Jahr so angesammelt haben, kommen vorbei und ein DJ legt die Sommerhits, die hier eigentlich Winterhits sind, auf und noch bevor der dritte Eimer Mojito alle ist, tanzen alle.

Zwischendurch probieren wir das beste Pollo-Sandwich der Welt, welches es 2 Ecken von der WG entfernt zu kaufen gibt. Allerdings muss man genau zur rechten Zeit kommen. Die Bude macht ihren Schnitt nämlich mit 3 Stunden Öffnungszeit am Tag, wer zu spät kommt kriegt nichts mehr. Und am besten bringt man eine Menge Schlangesteherfahrung mit. Irgendwie frech. Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ kommt mir beim Warten in den Sinn, sie würde auch hier beim Pollo-Sandwich-Bräter in Südamerika super funktionieren.

In Trujillo kommen wir auch endlich unserer Bürgerpflicht nach. Wir haben uns vorausschauend Briefwahlunterlagen zu Elsa bestellt und Tilman nimmt sie mit den Kreuzchen an der richtigen Stelle (edit 22.9.: geholfen hat’s wohl nix) zurück mit nach Deutschland. Am Wahltag können wir dann von hier aus mitfiebern.

Unseren letzten Tag in Trujillo verbringen wir auf der von Elsa organisierten „día de la integración“, bei der alle Arpegio-Kinder aus Trujillos Vororten zusammenkommen und in gemischten Gruppen an verschiedenen Stationen Spiele à la Eierlauf spielen. Ich leite den Entenlauf-Parcours an und bin stolz darauf es einigermassen auf Spanisch hinzubekommen.

2 Gedanken zu „Trujillo

  1. WAS FÜR EINE REISE! ES MACHT SCHON SPASS ZU LESEN, DASS EUCH DER ABENTEUERLICHE SUPERTRIP DURCH SÜDAMERIKA AUCH STÄNDIG ‚FREUNDSCHAFTSNESTER‘ GLEICHGESINNTER BESCHERT!!!
    SIND GESPANNT, WAS NOCH SO IN DER BERICHTE-PIPELINE STECKT…

  2. Hey Lobosch – gibts in Peru auch viele Strassenclowns?
    Es soll die volle welle geworden sein.
    ich hatte grad n voll berühmten clown unten im womo wohnen (geiler Typ !), und der hat irgenntwann in den 90gern den strassenkindern all over southamerika strassen clown beigebracht-alles voll im anarchistenstyle – und es soll voll die welle geworden sein -er redete von mehreren tausen mittlerweile , die auf ihn zurückgehen – fand ich echt ne coole kombi – anstatt aphatisch,hoffnungslos, opfer agromässig rumhängen:kreativ selbst was machen,auf sich aufmerksam machen, nen bischen provozieren auch … und möglicherweise den einen oder anderen pfennig verdienen,mal ab und an -krasser typ auf jedenfall -und er ist da anscheinend voll der godfather- Pepino heisst der Mann ! würd mich ja echt mal interessieren – wennde mal ein triffst kannst du ihn ja mal zur sprache bringen

    greetz phil

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