Grenze Peru-Bolivien

Wir fahren gefühlt Tage lang Bus. Als wir zurück nach Bolivien möchten, bekommen wir an der Grenze ernste Probleme. Wir haben vor 3 Wochen zwar einen Ausreisestempel aus Bolivien erhalten, nicht jedoch den Einreisestempel nach Peru. Wir waren also 3 Wochen lang illegal im Land. Der Grenzbeamte erklärt uns mit bierernster Mine, dass wir jetzt mit der Polizei zurück in die nächstgrössere Stadt Puno (3 Stunden in die Richtung aus der wir gerade kommen) fahren müssten, um von dort aus nach Bolivien oder Deutschland abgeschoben zu werden. Es sei denn… wir bezahlen jetzt auf der Stelle 50US$ „Strafe“ pro Person, dann könnte er das mit den Stempaln irgendwie deichseln. Widerlicher Typ. Wir lassen uns zum Glück ersteinmal nicht darauf ein und verbringen ein paar Stunden überlegend im Grenzgebiet. Der Bus, den wir nach Copacabana gebucht haben, schmeisst uns unser Gepäck vor die Füsse und erklärt uns, dass wir das jetzt allein regeln müssten. Freundlicherweise wird uns noch die Richtung gezeigt, in der wir einen colectivo, einen Kleinbus nach Copacabana finden können. An der Routine des Busbegleiters merkt man, dass wir kein Einzelfall sind. Kurz darauf begegnen wir einer Französin mit dem gleichen Problem, sie hat den Stempel nicht, ihre beiden Freundinnen, mit denen sie zusammen eingereist war, schon. Wir schliessen daraus, dass die Grenzbeamten systematisch und mit Absicht Stempel „vergessen“, um sich so bei Wiederausreise ein Bakshish zu verdienen. Wer nicht alle Stempel nachkontrolliert, oder wie wir gar nicht weiss, dass man immer 2 braucht, ist gelackmeiert. Die Französin hat sich übrigens auf den 50$-Deal eingelassen, wurde dann aber im nächsten Häuschen gleich nochmal zur Kasse gebeten: 68 US$ für die Zollfreiheit.

Der Reiseführer weist auf korrupte Grenzbeamte hin und empfiehlt, kleinere Beträge einfach zu bezahlen, um sich grössere Scherereien zu ersparen. 118$ pro Nase sind für uns kein kleinerer Betrag. Wir beschliessen Kontaktaufnahme mit der Mutterstadt. Verrückterweise hängen hier im Grenzort aber alle mit drin in der Korruption. Öffentliche Telefone funktionieren plötzlich angeblich nicht mehr und unser Handy aufladen dürfen wir in keinem der 3 Läden, „alle Steckdosen belegt“. Als wir das Telefon einfach ausprobieren wollen, werden wir förmlich weggezerrt. Zur Polizei zu gehen scheint auch aussichtslos. Die Zöllner und Polizisten feiern sich zusammen auf den Ertrag der letzten Tage, ein Bündel Dollarnoten, dass einer der Grenzer stolz präsentiert. Unser Glück ist, dass die Beamten, ausser wenn es um ihr Schmiergeld geht, äusserst faul sind. So können wir einfach unbemerkt nach Bolivien rüberlaufen, ohne aufgehalten zu werden. Trotzdem brauchen wir die blöden Stempel noch, ansonsten könnte es am Flughafen ungemütlich werden.

Aus Bolivien können wir in Berlin anrufen und bekommen von dort bestätigt, dass einfach zahlen wohl das Beste wäre. Trotzdem wird diese Option nur zu Plan C erkoren.

Plan A scheitert, als wir versuchen, die bolivianischen Grenzer zu bestechen, unseren Ausreisestempel einfach zu annullieren. Da könne man leider gar nichts machen, unsere 100 Bs nehmen sie trotzdem gerne und schmieden uns dafür einen ausgeklügelten Notfallplan, der wohl mit 300 Bs Strafe pro Person am Flughafen in Santa Cruz endet und von uns ein bisschen Lug und Betrug verlangt. Wir geben uns damit halb zufrieden und nehmen dann Plan B in Angriff. Wir fahren einfach nach Copacabana und verschieben das Problem um ein paar Tags. Dass das auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, erfahren wir spätestens, als wir uns am Abend viele mehr oder weniger lustige Grenzgeschichten aus Südamerika ergoogeln.

Also am nächsten Tag früh raus und zurück nach Peru gefahren, vorher ein paar Dollars ertauscht. Unser amigo von gestern sitzt noch immer im Grenzbüro und lässt sich darauf ein, uns für 20 $ pro Person Ein- und Ausreisestempel von heute einzustempeln. Völlig sicher, behauptet er, niemand guckt auf den vorletzten Stempel. Der Deal beinhaltet auch freie Passage im Zollhäuschen. Im Endeffekt lassen wir uns also nur einige Dollars und 24 Stunden Lebenszeit stehlen und werden dafür Zeit unseres Lebens immer sorgfältig alle Stempel kontrollieren. Ich verkneife mir beim Rausgehen noch ein lautstarkes „No a la corrupción“, Wahlspruch der meisten Politiker hier. Krass, wie die Korruption hier noch so viel offener gelebt wird als bspw. in Rumänien.

Die Bolivianer lassen sich übrigens nichts anmerken und lachen beim Blick auf die Stempel höchstens innerlich ein bisschen. Die Beamten sind zufrieden mit ihrem Taschengeld, wir sind sehr erleichtert und hoffen in Santa Cruz keine Probleme mit dieser Mauschellösung zu bekommen.

Huanchaco

Wir finden sofort unser Lieblingshostel namens „MERI“, was in der Muttersprache der finnischen Betreiber Meer bedeutet. Das Ding ist ein günstiges Surf-Hostel mit Chart-Musik, einer Skaterampe im Hof und einer Draussen-Küche wie in Samaipata. Als wir da Nudeln kochen, sprechen uns Brett und Hannah an, ob wir Deutsche wären. Die beiden sind Amis, haben aber eine Zeit lang in Deutschland gelebt und sich dort auch kennengelernt. Mit ihnen unternehmen wir die nächsten Tage recht viel.

In Huanchaco ist alles billiger und schöner als in Trujillo, die Pazifiklage sorgt für klaren Himmel und konstante Wellen das ganze Jahr lang. Deshalb kommen aus der ganzen Umgebung Leute zum Surfen her. Als wir uns am zweiten Tag auch auf den Brettern raus wagen, sind die Bedingungen günstig: Kleine Wellen und mit Alejandro ein super Lehrer führen zum schnellen Erfolg und beim dritten Versuch stehe ich auf meinem (zugegebenermassen riesigen Anfänger-) Board. Mit Alejandro klappt bei Celia, Julia und mir nahezu jede Welle. Als wir es dann später alleine versuchen eigentlich gar keine. Am nächsten Tag das selbe Spiel. Nur durch Alejandro’s Ansagen stehe ich irgendwie jedes Mal wieder auf dem Brett, ohne ihn geht nicht viel.

Insgesamt ist Wellenreiten eine super Sache, das wird nicht das letzte Mal für mich gewesen sein. Nach einigem Hin & Her entscheiden wir uns dagegen mit Elsa, Celia und einer weiteren Freiwilligen nach Mancora zu fahren. Das hauptsächlich aufgrund des langen Rückweges zu unserem Abflugort Santa Cruz de Bolivia, der so schon anstrengend genug wird.

Trujillo

Die Busfahrt nach Trujillo wird trotz Panorama-Plätzen mal wieder zur Zerreissprobe für die Nerven. Die Frau am Schalter der billigsten Linie drückt sich zur Ankunft absichtlich unklar aus, der Bus hat stundenlange Wartezeiten an Provinzbahnhöfen mit Schotterboden, ziemlich matsche kommen wir um 4 Uhr morgens an. Ins Hostel lohnt sich irgendwie nicht mehr, deshalb lassen wir uns zur plaza de armas (so heissen fast alle grössten Plätze in Südamerika) fahren und entspannen bis zum Morgengrauen auf Parkbänken. Mit einer Süddeutschen Reisenden frühstücken wir auf dem Markt und lassen uns dann zur WG von Elsa und Tilman fahren, wo gerade auch Celia aus Berlin zu Besuch ist, alle von Julias Schule. Dort angekommen klingeln wir Elsa wach und erleben die langsam erwachende WG im Katerzustand. Wieder haben wir Einblick in das Leben von Freiwilligen kurz vor Ende ihres Voluntariats und wieder ist alles andersals an den Stellen, die wir bisher erlebt haben. Das soziale Projekt „Arpegio“, in dem neben Tilman und Elsa noch 10 weitere Freiwillige arbeiten, ist musikalischer Natur: Hier können peruanische Kinder und Jugendliche Musikinstrumente spielen lernen und im Orchester mitwirken.Die Kosten sind sozialverträglich gestaffelt, 55% der Schüler zahlen gar nichts für ihren Unterricht. Die Lehrer sind Freiwillige aus Deutschland oder Peru, zum Teil selbst ehemalige Arpegio-Schüler. Das Projekt ist in den letzten Jahren stark gewachsen, ca. 300 Peruaner lernen hier klassische Musik kennen, spielen und lieben. 10 Deutsche leben in den ziemlich engen Räumen über der Musikschule. Zum gemeinsamen Frühstück kommen sie nach und nach aus ihren Betten gekrochen.

Wir quartieren uns in einem Hostel nahe der Plaza ein, da hier in der WG wirklich kein Platz mehr gewesen wäre. Gleich am ersten Abend hier erleben wir bei einem Vorspiel der Schüler die Herzlichkeit und die Nähe, die sich zwischen den Freiwilligen und ihren Schützlingen entwickelt hat. Denen wird ausser Musikunterricht noch viel mehr geboten. Da wird gekuschelt und geklönt, sich zum Essen eingeladen und zusammen gespielt. Vor allem für die Heimkinder, die im Rahmen des Projekts unterrichtet werden, sind die Freiwilligen Elternfiguren. Nach dem Vorpsiel überredet der smarte Freiwillige Yannis die müde Meute noch ins naha gelegene Surferdorf Huanchaco zu fahren. Die Cocktails kosten zur Happy-Hour 3S (weniger als 1 Euro), wir kommen kurz vor Ladenschluss an, was uns aber nicht davon abhält, uns noch ordentlich zu betrinken.

Am nächsten Tag fahren wir mit Celia zu den Huacas del Sol y de la Luna, sehr sehr alte archäologische Stätten in der Nähe von Trujillo. Hier hat die Moche-Kultur 800 v. Chr. angefangen, sich eine Stadt mit 2 riesigen Komplexen, einem Verwaltungsgebäude (Huaca del Sol) und einem Tempel (Huaca de la Luna, man sieht an der Namensgebung, wie Religion und Staat zueinander standen) zu bauen. Von der Stadt ist nicht mehr viel  übrig, aber die beiden Huacas stehen heute wieder fast vollständig ausgebuddelt da. Hier graben auch heute noch Forscher von der Uni und entdecken immer neue Teile. Die ganze Ausgrabungsstätte ist privat und von einer grossen peruanischen Brauerei betrieben, was erstmal ganz lustig ist, vor allem aber dazu führt, dass hier ausnahmsweise richtig gute Führungen angeboten werden, da die Guides auf Trinkgeld (haha!) angewiesen sind.

Wir begleiten Celia ausserdem bei Tag nach Huanchaco und beschliessen, bald hierher umzuziehen. Vorher steht aber noch die Abschiedsparty der FSJler in ihrer WG an. Alle peruanischen Freunde, die sich über das Jahr so angesammelt haben, kommen vorbei und ein DJ legt die Sommerhits, die hier eigentlich Winterhits sind, auf und noch bevor der dritte Eimer Mojito alle ist, tanzen alle.

Zwischendurch probieren wir das beste Pollo-Sandwich der Welt, welches es 2 Ecken von der WG entfernt zu kaufen gibt. Allerdings muss man genau zur rechten Zeit kommen. Die Bude macht ihren Schnitt nämlich mit 3 Stunden Öffnungszeit am Tag, wer zu spät kommt kriegt nichts mehr. Und am besten bringt man eine Menge Schlangesteherfahrung mit. Irgendwie frech. Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ kommt mir beim Warten in den Sinn, sie würde auch hier beim Pollo-Sandwich-Bräter in Südamerika super funktionieren.

In Trujillo kommen wir auch endlich unserer Bürgerpflicht nach. Wir haben uns vorausschauend Briefwahlunterlagen zu Elsa bestellt und Tilman nimmt sie mit den Kreuzchen an der richtigen Stelle (edit 22.9.: geholfen hat’s wohl nix) zurück mit nach Deutschland. Am Wahltag können wir dann von hier aus mitfiebern.

Unseren letzten Tag in Trujillo verbringen wir auf der von Elsa organisierten „día de la integración“, bei der alle Arpegio-Kinder aus Trujillos Vororten zusammenkommen und in gemischten Gruppen an verschiedenen Stationen Spiele à la Eierlauf spielen. Ich leite den Entenlauf-Parcours an und bin stolz darauf es einigermassen auf Spanisch hinzubekommen.

Lima

Das erste Bild vom Pazifik kommt plötzlich und ist unscharf. Ohne Brille und mit Ohrstöpseln, um dem grausamen und seit Stunden störenden Board-Entertainment des Busses zu entgehen, mit müden Augen und durch noch mattere Fensterscheiben von endlosen Kilometern durch die Wüste bin ich blind und taub, als ich den blauen Riesen neben der uns erbarmungslos nordwärts schleifenden Panamericana entdecke. Das bedeutet jetzt zweierlei, Gutes und Schlechtes. Das Gute ist, dass unser Ziel Lima nun wirklich nicht mehr weit entfernt sein kann. Das Schlechte, dass alle Unheilsverkünder Recht behalten haben und das Wetter hier vermutlich tatsächlich immer scheisse ist.

Pauls WG

Pauls WG

Wir fahren gleich nach Ankunft auf gut Glück in den Randbezirk la Molina, da wir von unterwegs nicht mehr mit Paul kommunizieren konnten. Paul ist ein Kumpel von Julia aus Berlin, auch Freiwilliger hier, der uns freundlicherweise bei sich aufnehmen will. Wir kennen zwar die Strasse und Hausnummer, wissen aber nicht in welchem Appartement er wohnt und ob er überhaupt zu Hause ist. Wir klingeln und haben Glück. Pauls Mitbewohnerin Carla guckt aus dem Fenster und kann den Schlafenden aufwecken. In der Wohnung wohnen 4 Freiwillige in Kinderheim-Projekten hier in Lima. Am ersten Abend lernen wir die restlichen deutschen FSJler bei einer Abschiedsparty im Künstlerviertel Barranco kennen. Es wird erst in einer Wohnung gefeiert und später am Strand mit Lagerfeuer, Trommeln und witzigen Menschen aus Peru, Kuba und China.

Die weiteren Tage hier vergammeln wir eher. Ein wenig Wäsche waschen hier, lecker Frühstück oder Burger essen da und einmal um den Block spazieren dort sind das Tagesprogramm. Paul hat Glück, hier hat sich eine wirklich atzige WG von sich gut ergänzenden Menschen gefunden. Hier wird gechillt, gefeiert und gewitzelt und alle haben Spass am Gemeinsam-Sein. Auch die Wohnung an sich ist ganz geil. Zwar kein eigenes Zimmer für jeden, dafür eine sonnige Dachterasse und ein offener Küche-Wohn-Raum. Die Stimmung trübt leider die psychisch angeknackste Vermieterin Rita, die schon das ganze Jahr anstrengend war, es nun gegen Ende der gemeinsamen Zeit jedoch noch mal richtig drauf ankommen lässt und unerträglich wird: Im Stundentakt kommt sie unangekündigt durch Vorder- oder Hintertür, um zu kontrollieren, ob der Auszug nach ihrem Gusto vonstatten geht. Was er natürlich nicht tut. Und so wird immer wieder korrigiert, diskutiert, gefordert und befohlen und vor allem möglichst oft eine total schockierte Mine aufgesetzt.

Nach und nach heisst es dann auch für diese WG, Abschied zu nehmen. Unser zweiter Abend ist der letzte der Mädels hier und wir fahren zur Feierei ins Reichen- und Touri- und Partyviertel Miraflores. Wir ziehen durch verschiedene Bars und Clubs und ärgern uns über die allzu europäischen Preise. Peter reist einen Tag später ab, wir feiern mit Bier und Pisco und Tischtennis in der Wohnung. Der Abschied von Paul muss dann zwei Tage darauf schnell gehen, da wir noch einen Bus, der abends in Trujillo ankommen soll, catchen wollen.

2 Busfahrten

Wir fahren von Rurre nach La Paz. Auf dem Hinweg hatte noch alles verhältnismässig gut geklappt. „Verhältnismässig“ bedeutet hier immer unter 2 Stunden Verspätung. Die von den Unternehmen angegebenen Fahrzeiten sind, so vermute ich, die Weltrekorde, eingefahren bei freier Bahn und mit Rückenwind. Jetzt stehen die Zeichen jedenfalls schlecht. Der seit 3 Tagen andauernde Regen hat die Sandstrassen in Schlammpisten verwandelt. Wir brauchen für die 450km geschlagene 30 Stunden. 1 mal bleiben wir im Sonnenaufgang und vor allem im Schlamm stecken und müssen stundenlang freischaufeln, 1 mal schläft unser Fahrer ein Sekündchen ein und steuert in ein Gebüsch, kein Wunder bei 30 Fahrtstunden ohne Fahrerwechsel. Ein Bagger kommt und befreit uns. Die grösste Verzögerung entsteht durch einen Erdrutsch, dessen Beseitigungsarbeiten uns zu einer Pause von 6 Stunden zwingen. Zu allem überfluss bekommen wir in der zweiten Nacht einen schlimmen Unfall zu sehen. Ein Taxi ist gerade neben der Strasse in den 15m-Abgrund gestürzt, Helfer leuchten und rufen Anweisungen, es scheint Überlebende zu geben. Vielmehr erfahren wir beim Vorbeifahren nicht. Dann noch ein kleiner Zusammenstoss von unserem Bus mit einem entgegenkommenden Taxi und mit den Nerven am Ende hören wir, wie sich erst die beiden Fahrer und dann immer mehr aus den pausenlos hupenden Autos aussteigende Männer darum streiten, wer Schuld hat und warum. Die Sache dreht sich zu Gunsten unseres Fahrers, als sich herausstellt, dass der Taxifahrer gar keinen Führerschein (!) hat.

Die lange Fahrt hat schliesslich auch ihr Gutes. Wir lernen ein paar Franzosen kennen, mit denen wir nachts im Hostel einchecken und 2 Tage in La Paz verbringen. Wir finden zufällig eine nette Bar und verbringen dort 2 Abende.

mhhhmmmm...

mhhhmmmm…

Die nächste Busfahrt (La Paz – Lima mit Umstieg in Puno am Titicacasee) wird die teuerste ever. 550 Bs, 5x mehr als wir bis jetzt maximal bezahlt hatten. Hallo Peru, hier ist plötzlich alles „nur noch“ 2x billiger als in Deutschland (und nicht 5x). Dafür gibt’s „Vollverpflegung“, Essen aus Plastikschalen, 3x ekliger als im Flugzeug.

Eine völlig durchgeknallte Stewardess und ein Fehler im Buchungssystem runden das Programm ab. Dieser Fehler macht, dass beim Umstieg in den nächsten Bus für unsere 5er Gruppe (die beiden Franzosen Audrey und Camille, ein Spanier und wir) nur 3 Plätze im Anschlussbus zur Verfügung stehen. Erschwerend hinzu kommt, dass wegen Schneestürmen im südlichen Peru auch keine weiteren Busse mehr zu erwarten sind. Nach ewigem hin und her verabschiedet sich der Spanier mit der Nachricht, dass gestern Nacht im Bus Leute erfroren wären und bucht sich deshalb lieber einen Flug. Na danke. Den 4. Platz buchen wir unter Zugzwang gegen eine viel zu kleine Entschädigung in die Holzklasse um. Audrey opfert sich für die Gruppe und fährt semi-cama. Im Bus laufen schreckliche Musikvideos bei ca. 150 dB und es gibt noch einmal HappiHappi, bevor ich auf dem Weg nach Lima einschlafe…

Rurrenabaque

Die Busfahrt nach „Rurre“ buchen wir trotz des geringen Aufpreises im Reisebüro in Coroico, um ganz sicher zu sein anzukommen und auch ja keine Zeit zu vertrödeln. In der Servicewüste Bolivien bedeutet das, dass wir uns selbst ein Taxi suchen müssen, das uns in den nächsten Ort fährt, um da unseren Bus „zwischen 1 und 3“ zu erwischen. Kurz nach 1 unten haben wir Angst ihn schon verpasst zu haben, kriegen aber vom freundlichen Schrankenwärter gesagt, dass der Bus gegen 5 hier vorbeikommen müsste. Gleich darauf gesellen sich 2 Österreicherinnen zu uns Wartenden und erklären uns warum: Heute war Erdrutsch und die Strasse muss freigeräumt werden. Diese Fahrt wird uns noch eine Weile in den Knochen stecken, in nächster Nähe zum Abgrund mit überhöhter Geschwindigkeit und das im Dunkeln, ist sie teilweise ganz schön anstrengend auszuhalten.

Der erste Tag vor Ort wird gleich ziemlich kurzweilig. Wir suchen uns fix Hostel und Essen. Dann wagen wir uns ins nächste Fahrt-Abenteuer, als wir uns ein Motorrad mieten (eigentlich mehr Motorroller, Schwalbe-Style) und damit die Strassen (es gibt eigentlich nur 3) auf und ab cruisen.

Hier fällt auf, wie oft man als Reisender Leute wiedertrifft, und das doch eingentlich alle Touris ein ähnliches Programm haben. Zum x-ten Mal begegnen wir den arroganten Französinnen, mit denen sich ein gegenseitiger kleiner Hass aufgebaut hat, und auch die Ösi-Mädels sieht man immer wieder. Wir vergleichen mal wieder Preise für Touren und buchen einen 3TagesTrip in die Pampas, wo es viele Tiere zu sehen geben soll. Der beginnt mit einem Motorradfahrer, den unser Fahrer zu spät sieht und mit dem Jeep über den Haufen fährt. Zum Glück reagiert der unangenehm Berührte direkt richtig und fährt mit heulendem Motor an, so dass ausser einem bisschen Plastik nichts zu Schaden kommt. Dafür gibt’s für den wütenden Biker 50 Bs auf die Kralle und weiter geht’s. Gestern hatten wir gemeinsam mit 3 Deutschen die Tour gebucht, die gemeinsame Gruppe, die uns von Luftikus-Luis, dem Seller in der Agency versprochen wurde, kommt jedoch nicht zu stande. Egal, unsere Gruppe ist auch cool, besehend aus inklusive uns 3 Pärchen und zwei Schäkernden. Ausserdem gibt es aus dem Boot unterwegs zur Ecolodge einiges zu sehen: Krokodile, Alligatoren, Kaimane („Wo ist denn da der Unterschied?“ würde Icke jetzt fragen), Flussdelfine, Totenkopfäffchen und viele verschiedene Vögel.

Nachts brechen wir nochmal im Boot auf und leuchten Krokodilen in die Augen, die dann cool rot und blau reflektieren. Unter anderem sehen wir eine kleine Familie mit 40 Babies. Unser Guide Ronaldo ist leider recht schweigsam und erzählt von sich aus nicht viel. Am nächsten Morgen auf Anaconda-Suche stapft er schweigend voran und wir 2 Stunden hinterher, ohne genau zu wissen, weswegen wir eigentlich hier sind. Die Anaconda hat bei dem schlechten Wetter keinen Bock und lässt sich nicht blicken. Der Regen hört nicht wirklich auf, trotzdem ziehen wir am Nachmittag den Programmpunkt „Schwimmen mit Delfinen“ durch. Die rosaroten Flussdelfine schwimmen jetzt im Winter noch an den wenigen einigermassen tiefen Stellen im Yacuma-Fluss. Wo sie unterwegs sind kann gefahrlos geschwommen werden, sie vertreiben Piranhas und Krokodile. Ein paar Wagemutige springen ins Wasser und sind den Tieren ganz nah. Ein bisschen Vorsicht ist geboten, da die Viecher auch beissen und einen unter Wasser ziehen können.

Nach dem Abendessen taut Ronaldo endlich auf und gibt eine Geschichtenstunde. Er plaudert über die Natur, seinen Job als guía hier und vorher in Brasilien und über lästige Touristen, die nicht auf ihn gehört haben und von Piranhas angeknabbert wurden. Am späten Abend gibt es Lagerfeuer mit Sitzen und Schnitzen und Quatschen.

Der dritte Tag beginnt mit Gewissensbissen. Wir fischen Piranhas fürs Mittagessen. Julia steigt bald aus, weil sie es nicht gutheissen kann, dass die kleinen Fische zurückgeworfen werden. Ich ziehe einen kleinen Piranha an Land, ärgere mich aber die meiste Zeit über die blöden Fische, die es immer wieder schaffen, meinen gesamten Köder zu vertilgen, ohne wirklich anzubeissen. Ich stelle mir vor, wie sie sich einen feixen und die blöden Touris, die sie jeden Tag gratis füttern, hart auslachen.

Dann geht es mit Boot und Jeep zurück nach Rurre, elendig lange Fahrten, die aber dank der netten Menschen aus unserer Gruppe einigermassen erträglich bleiben. Abends gehen wir mit der ganzen Gruppe lecker Pizza essen, einige der Menschen hier treffen wir bestimmt wieder, in Belgien oder England oder Israel oder bei uns.

Coroico

Am Ortseingang von Coroico steht auf einem Schild „Bienvenido a Coroico – Welcome to paradise“. Das Schild hat recht, wir sind im Paradies gelandet. Saftig grüne Berge, Pflanzen mit blutroten Früchten, Vögel mit knallgelben Federn, Kolibris, die kaum größer sind als Schmetterlinge, verrückte Dschungelfarne, eine Unterkunft der Superlative und wo man hinblickt nette Menschen. Die Idylle stören nur jeweils 50 Mückenstiche beim Aufwachen ab den Füßen aufwärts. Wieder Zeit zu entspannen und zum Lesen (sehr zu empfehlen von Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele?). Eine Wanderung machen, auf der wir zwar nicht den ursprünglich anvisierten Wasserfall erreichen, aber einem spannenden Pfad durch den Dschungel folgen und auf dem Rückweg leckere Mandarinen frisch von der Plantage snacken. Auf der Plaza bei einer Zirkusnummer als Zipfelmützenbert assistieren und mit Macheten jonglieren, dabei einen kaputten Finger abholen. Im hosteleigenen Restaurant, welches von einem französischen Aussteigerpaar betrieben wird, 4 Tage hintereinander mein neues Lieblingsgericht bestellen, Steak à la Roquefort. Und ganz viel am Pool liegen.

El camino de la muerte

In eisiger Kälte checken wir um 7:30 Uhr aus dem Hostel aus, um noch schnell 2 trockene Brötchen zu frühstücken. Um 8 Uhr geht’s im micro-Bus vom Büro der Agentur Vertigo-Tours los. Hoch, immer höher, la Cumbre. Der auf 4.700m gelegene Ort ist Startpunkt aller Fahrradtouren die Straße des Todes hinunter und sonst eigentlich nichts. Wir bekommen unsere Räder und die übliche Sicherheitskleidung und dürfen uns ein paar Runden einfahren. Unser smarter Hipster-Guide Kenneth erklärt uns die Regeln: Spaß haben, ohne sich ernsthaft in Gefahr zu bringen lautet die Devise. Auf dem ersten asphaltierten Stück herrscht Rechtsverkehr, auf der alten Schotterpiste Linksverkehr, immer schön am Abgrund auf der Hangseite entlang. Die gefährlichste Straße der Welt, an manchen Stellen nur 1,5m breit, die einst von den Inkas aus dem Fels gehauen wurde, war lange Zeit die einzige Verbindung von Coroico nach La Paz. Durch die extreme Enge und Steile, die schmalen Kurven und komplett fehlende Sicherheitsbegrenzungen, fielen damals 26 Autos pro Jahr in den Abgrund. Dann wurde die neue Umgehungsstraße gebaut, die die Lage vor 10 Jahren auch erheblich verbesserte. 10 Jahre lang wurde die Straße fast ausschließlich von downhillbegeisterten Biketouristen genutzt. Die neue Straße ist jetzt allerdings schon wieder ganz schön kaputt, vormittags wird instandgesetzt, nur nachmittags darf gefahren werden. Weil die alte Route außerdem deutlich kürzer ist, haben die bolivianischen Autofahrer sie wiederentdeckt. Es ist hier wieder so befahren und fast so gefährlich wie früher.

Und da sollen wir jetzt runter.

Auf der asphaltierten Straße düsen wir gleich ganz schön los, alle in unserer 10-köpfigen Gruppe können super Fahrrad fahren. Nur einem Israeli, der mitgekommen ist, um seinen Kumpel zu begleiten, geht schnell die Puste aus und wir warten immer wieder auf ihn. Dadurch haben wir aber Zeit kurz zu verschnaufen, Fotos zu machen und Autoteile im Abgrund zu bestaunen.

Die Vegetation ändert sich total schnell. Von 100% kahl fahren wir bald hinein in die Wolken, bald durch eine Nebelwand und Sprühregen und es wird schneller grün, als man gucken kann.

Die Raserei geht zu Ende und wir faulen Touris werden für das kleine bergauf führende Stück in den Bus und die Räder auf’s Dach geladen. Wir kommen auf der alten, wirklich wahrhaftigen death road an. Es regnet in Strömen. Wir haben großen Respekt vor der Straße und Julia will am liebsten gar nichts losfahren. Wir werden klatschnass und megamatschig. Wegen der dichten Wolken ist nichts mit Panorama-Gucken. Meine Brille beschlägt alle 20m und die Sicht beschränkt sich so auf ca. 10m. Das Gefühl von Skiurlaub letzte Abfahrt. Und dann, plötzlich und als keiner mehr damit gerechnet hat, hört es auf zu regnen und dann bahnen sich erste zarte Sonnenstrahlen ihren Weg. Mit klarerer Sicht wird erst so richtig klar, welchem Irrsinn wir uns hier aussetzen. Am sogenannten balcony geht es direkt neben der Straße senkrecht 400m nach unten. Mittlerweile sind wir in den vollgrünen Yungas angekommen. Noch eine Sektion, liebevoll „mini death road“ getauft, hier ist man langsam übermütig geworden, weil man an der Bergseite fährt. Mit Vollspeed durch die Kurven. So geil.

Wir stinken wie Hulle, als wir dann wirklich unten ankommen, sind aber amüsiert wie Bolle. Den Rückweg nach La Paz machen wir nicht mit, weshalb wir traurigerweise auch kein „I survived the death road“-T-Shirt bekommen. Dafür bekommen wir Coroico.

La Paz

Busfahren hier ist schön: egal ob cama oder semi-cama

Busfahren hier ist schön: egal ob cama oder semi-cama

Wir fahren mit einem luxuriösen Bus-Cama nach La Paz über Nacht. Die gibt es hier in verschiedenen Varianten und zeichnen sich durch deluxe-Sessel, die man 160° oder mehr nach hinten verstellen kann, aus. Weiß kein Mensch, warum sich die bei uns noch nicht durchgesetzt haben. Beim Ausstieg lernen wir eine kleine Familie kennen. Als wir auf der Suche nach einer erschwinglichen Unterkunft durch’s Touriviertel irren, kommt uns genau jene wieder entgegen. Wir beziehen zusammen ein 4er-Zimmer und lernen den 16-jährigen Guido, die 27-jährige Basilia und ihren 3-jährigen Sohn Jahfel näher kennen. Anfangs herrscht noch Verwirrung unsererseits über die Familienkonstellation, bis Basilia und förmlich erlöst, als sie Guido „hermanito“, Brüderchen ruft.

Schon im Vorhinein haben wir uns mit Elsa, einer Freundin von Julias Schule, verabredet. Sie kommt uns am Hexenmarkt, in dessen Umgebung wir wohnen, abholen. Zusammen besuchen wir das Coca-Museum, wo es viel zu lesen gibt über bolivianische Dschungellabore, Sigmund Freud als ersten exzessiven Kokser und die Coca-Cola-Company, die von einem mittellosen Apotheker 18schießmichtot für 1,75$ aufgekauft wird. Zwischendurch wird immer wieder betont, wie gesund und wohlwirkend die naturbelassenen Coca-Blätter sind.

Nach einem Mittagessen im südlich gelegenen Sopocachi-Viertel verpassen wir 2 micros (so heißen die kleinen Busse mit ca. 10 Plätzen) ins Stadtzentrum wegen Überfüllung (20 gehen da schon rein!), bis uns eine Frau anspricht und auf den Geburtstag des Kinos um die Ecke hinweist, welches heute Klassiker der bolivianischen Filmgeschichte for free zeigen würde. Wir schauen einfach mal vorbei und staunen nicht schlecht, als wir plötzlich in einer ARD-Produktion von 2010 sitzen, die „Bremer Stadtmusikanten“ als OmU mit spanischen Untertiteln. Wir feiern uns nach dem Geschmack unserer Nachbarn etwas zu laut auf dieses Highlight bolivianischer Hochkultur und beschließen dann, dass es das nicht gewesen sein soll und gucken uns im Anschluss noch „El Atraco“, welcher ein wenig an die Story von Butch Cassidy und Sundance Kid erinnert, an. Dann ist es auch schon Zeit fürs Abendessen und weil heute Tag der divine order ist, treffen wir jeweils zufällig noch einen Kumpel von Marie aus Cochabamba und vor dem viel zu teuren indischen Restaurant (außerdem ist Basmati-Reis aus, frech.) später noch David, einen Mit-FSJler von Elsa aus Peru.

Der nächste Tag beginnt chillig im Internetcafé. Plötzlich klimpert es rechts neben mir, ein Mann beugt sich herunter und fragt, ob das da mein Schlüssel wäre. Zum Glück habe ich vorher im Reiseführer, dass La Paz in Sachen Kriminalität zum „südamerikanischen Standard“ aufschließe. Nur deshalb bin ich fix genug und greife nach meinem Rucksack zu meiner Linken, kurz bevor der Komplize bei mir ankommt und jetzt unverrichteter Dinge vorbeigehen muss. Keine Sekunde zu früh. Kurz danach kommen 2 Bolivianer rein, um uns vor Dieben zu warnen, die uns angeblich schon seit der vorletzten Straßenecke verfolgen. Danke, dann haben wir das auch einmal erlebt und schadlos überstanden.

Unsere Zimmernachbarn sind extra wegen eines Fußballspiels heute angereist. Das Lokalderby zwischen Bolivar La Paz & The Strongest La Paz steht ins Haus. Das lassen wir uns nicht entgehen und lassen uns Karten mitbringen. Nachdem wir uns in Bolivar-Farben eingekleidet haben, gibt Elsa einem Journalisten live ein Radio-Interview und analysiert, dass Bolivar trotz Niederlage letzte Woche gegen Santa Cruz natürlich souverän gewinnen wird. Wir sind rechtzeitig im Stadion, um uns geile Plätze in der komplett blauen Bolivar-Fankurve zu sichern. Platzkarten gibt es hier nicht. Wir gewinnen 2:0, das Niveau Regionalliga. Hier im Stadion wird einem nochmal deutlich bewusst, dass Kinder ab 10 Jahren ganz normal arbeiten müssen. Alle, die hier Getränke und Snacks verkaufend 90 Minuten pausenlos durch die Gänge hustlen, sind entweder minderjährig oder Rentner. Anscheinend habe ich heute ein schlechtes Karma, denn als ich ein paar Reihen hochsteige, um mir eine gratis Knalltüte zu holen, erwischt es mich doch noch und mir werden aus der Hosentasche (!) 60 Bs geklaut. Besser als der Ruckack, denke ich mir. Abends verabschieden und bedanken wir uns von und bei unseren Freunden, für die morgen wieder eine normale Woche beginnt.

Es folgen 2 Tage La Paz mit 4 Museen & einigen Spaziergängen durch die Stadt, dem Schwarzmarkt und schließlich dem Abschied von Elsa. Außerdem shoppen wir eine Death-Road-Tour und entscheiden uns, danach unten im warmen Coroico zu bleiben.

Cochabamba die 2.

Wieder zurück nach Cochabamba, wieder wohnen und entspannen bei Marie. Alles ist schön, nur das Pollo, das es in allen Farben und Formen gibt kommt mir schlussendlich aus den Ohren raus und nach einem Besuch bei Chicken’s Kingdom muss ich mich fast übergeben. Das bedeutet am nächsten Tag einen ganzen Tag zwischen Bett und Klo, an sich unangenehm, aber das Ganze hat auch etwas Positives. Ich habe nämlich endlich mal wieder genug Zeit, ein ganzes Buch zu lesen: Che Guevaras bolivianisches Tagebuch klingt wie ein Abenteuer von 50 kleinen Jungs, die das Land erorbern wollen.