Jerusalem, 20.-22.8.

Zum Fruehstueck gibt es Pita-Brot mit verschiedenen Hummus-Variationen und herzhaften Cremes. Essenstechnisch liegt dieses Land auf meiner Wellenlaenge, glaube ich. Wir nehmen einen fruehen Bus nach Jerusalem. Unterwegs fallen wieder die vielen Maschinengewehre ins Auge, die von Soldatinnen und Soldaten durch die Strassen getragen werden. Ein paradoxes Bild gibt ein junger Mann in farbenfrohem T-Shirt und bunter Badehose ab, der eine schwere Waffe umgehaengt hat, aber so laessig durch die Strasse schlendert, als wuerde er selbst das gar nicht mehr wissen.

Mariella hat uns ein Hostel empfohlen, in dem wir fuer 50 Schekel (vergleichsweise wirklich wenig) auf der Dachterasse pennen koennen, die gleichzeitig eine super Aussicht auf die Altstadt bietet. Wir machen direkt eine Stadtfuehrung mit, bei der uns unser jungscher Guide Aviv einen zweistuendigen Crashkurs in die 4 Altstadt-Viertel gibt: Das armenische, das christliche, das juedische und das islamische Viertel. Besonders beachtlich: Juden, die im islamischen Viertel leben, bekommen von der Regierung einen Kasten mit Bodyguard auf’s Dach gestellt.

Jeder Ort hier ist heilig: Keine Kirche in der Jesus nicht wenigstens einmal gebetet oder gegessen hat, kein Berg auf dem nicht irgendeine Prophezeihung eingetreten ist oder eintreten wird (bestimmt!). Am Nachmittag treffen wir meinen alten Freund Lukas, der zufaelligereise auch gerade in Israel herumreist und in Jerusalem am Start ist. Mit seinem Kumpel Andreas kommen sie gerade von einer Quer-durchs-Land-Tour wieder und haben einige witzige und unglaubliche Geschichten im Gepaeck. Wir stromern erzaehlend bzw. zuhoerend durch die Altstadt und enden in einer Bar mit weiteren Freunden, die sie unterwegs kennengelernt haben. Am Ende ihrer lebhaften Erzaehlungen beschliessen wir, den jordanischen Ort Petra von unserer Reiseroute zu streichen, da hier anscheinend jeder versucht, Touristen um ihr Geld zu bescheissen.

In einem interessanten Geapraech mit dem US-amerikanischen Juden Jeff versuche ich einmal, mir die juedische Position zum Nahost-Konflikt klar zu machen. Seiner Meinug nach kann es nur eine 2-Staaten-Loesung geben, da es einen juedischen Staat, in dem man sich sicher fuehlen kann, geben muesse. In Deutschland hatte ich im Vorfeld in Gespraechen mit Israelis eher herausgehoert, dass das Projekt 2 Staaten doch eh schon gescheitert sei und ein einziger Staat mit gleichen Rechten fuer alle die einzige Loesung sein koennte. Es ist ganz interessant aber auch total ernuechternd zu beobachten, dass sich hier wirklich niemand mit niemandem einig ist. Jeff glaubt fruehestens in „20 bis 30 Jahren“ an eine stabilen Frieden. Aber wenigstens glaubt er daran.

Am naechsten Tag besichtigen wir die Klagemauer. Diese ist der letzte Ueberrest des sogennanten zweiten Tempels und eine der heiligsten Staetten fuer die Juden. Das Beste ist meiner Meinung nach, dass man sich etwas wuenschen kann, indem man einen Wunschzettel in einen Spalt der Mauer stopft. Einmal im Monat werden die Zettel dann abgheholt und auf dem Oelberg vergraben. Danach geht’s zum Tempelberg. Waehrend man hier sonst sehr lange anstehen muss, bevor man hochgelasen wird, gibt es zur Zeit so wenig Touristen, dass wir easy hochlaufen koennen. Der Felsendom ist imposant, die anderen Gebaeude eher unspannend. Auf dem oberen Plateau laufen erstmals keine israelischen Soldaten oder Polizisten herum, dafuer kontrollieren sie schwer bewaffnet alle Eingaenge und laufen unten Patrouille. Der Tempelberg ist eigentlich das Sinnbild fuer den Nahost-Konflikt und den Konflikt der Religionen. Allen (Juden, Muslimen und Christen) ist er heilig und keiner moechte ein Stueck Kontrolle darueber abgeben. Aviv hatte gestern gesagt: „Der ganze Nahost-Konflikt liesse sich inerhalb weniger Sekunden loesen. Bis auf den Jerusalem-Konflikt. Der wird sich wohl nie loesen lassen.“ Im Moment wird der Berg von einer muslimischen Stiftung verwaltet, die militaerische Kontrolle hat aber hauptsaechlich Israel. Wegen des ganzen Stresses, der sich oft hier entlaedt, werden Juden oft nur beaufsichtigt und in kleinen Gruppen hereingelassen und auch fuer Muslime werden immer wieder Beschraenkungen verhaengt. Eine kleine Kostprobe bekommen wir, als nach dem Mittagsgebet rund um den Felsendom „Allahu Akbar“-Rufe laut werden. Die kann man je nach Windrichtung auch unten an der Klagemauer sehr gut hoeren, was das Rufen in diese Richtung fuer einige Stoerenfriede besonders attraktiv macht.

Wir entscheiden uns heute Abend bewusst gegen Feierei mit Lukas und Andreas, sehr zu deren Bedauern, da der Donnerstagabend hier aequivalent zu unserem Freitagabend ist. Dafuer koennen wir frueh nach Sonnenaufgang auf den Oelberg wandern und unterwegs und obendrauf wichtige Orte des Wirken Jesu besuchen. In den meisten Kirchen und Staetten sind wir voellig allein, auch eine Folge des aktuellen Kriegs. Nach muehevollem Aufstieg auf den Glockenturm der Himmelfahrtskirche, die Kaiser Wilhelm II hier errichten liess, werden wir mit einer 360-Grad-Aussicht auf Jerusalem, das Westjordanland, die Mauer („Sperranlage“,“Terrorabwehrzaun“), die beide seit 2003 trennt und vermutlich sogar die jordanische Wueste.

In einem stimmungsmaessigen Hoch ob der ganzen Entdeckungen machen wir uns auf den Rueckweg nach Tel Aviv.

Tel Aviv, 19.8.

Am Dienstag fruehmorgens steigen wir in unsere Maschine von easyjet. Ich habe die Nachte vorher ohne schlafen gespielt und schlafe sogleich bis Tel Aviv durch. Die befuerchtete strenge Kontrolle Einreisender bleibt uns erspart (anscheinend vor allem auf Fluegen mit El Al oder anderen israelischen Airlines ueblich) und so wird es ein entspanntes Ankommen. Aus dem kuehlen Berlin in Israel landend erdrueckt uns erstmal die Hitze wie eine Wand. Also schnell hinter dem Gepaeckband versteckt und wieder in Sommerklamotten umgezogen, da taucht auch schon Mariella auf, die uns netterweise am Flughafen abholt. Mariella studierte mit uns an der Uni und hat macht gerade ein Praktikum in Tel Aviv. Sie kennt sich deshalb gut in der Stadt aus und fuehrt uns nacheinander zu ihr nach Hause, wo wir ein paar Naechte wohnen werden, zum Handyshop wo wir uns mit einer israelischen SIM-Karte viele praktische Freiheiten kaufen und zu ihrem Stamm-Falafelladen – lecker!

In den Strassen ist der aktuelle Gazakrieg insofern angekommen, als dass wir sehr vielen Uniformen begegnen, in denen Maenner und Frauen (die hier 3 bzw. 2 Jahre Wehrdienst leisten muessen), teilweise schwer bewaffnet, stecken und entweder Ein- und Ausgaenge verschiedener Gebaeude kontrollieren oder selbst auf dem Weg Richtung Sueden und der Grenze zu Gaza sind.

Am Abend unseres ersten Tages spazieren wir zum naechsten Strand, wo sich das Mittelmeer heute rau und wellig zeigt. Das Badeverbot schockt hier niemanden so richtig und so tun wir es den Einheimischen gleich und stuerzen uns in die Fluten.

Zurueck in der WG sind wir schnell zurueck auf dem Boden der Tatsachen. Erst erzaehlt uns ein Kumpel, der zu Besuch kommt, dass er letzte Woche einen guten Freund verloren hat, der im Krieg gestorben ist. Dann macht er mit Mariellas Mitbewohner eine Weile lang Musik, bis dieser einen Anruf erhaelt. Das Hauskonzert bricht abrupt ab und als er auflegt, wirkt er erst veraergert, dann richtig wuetend, schlaegt gegen die Wand und boxt in ein Kissen. Wir verstehen, als uns erklaert wird, dass der Anruf von der IDF, also der israelischen Armee, kommt. Mariellas Mitbewohner hat jetzt eine Stunde Zeit, um vom Musiker zum Offizier zu werden, als der er 3 Jahre lang ausgebildet wurde. Dann wird er von der Armee abgeholt und eingezogen. Er wird die naechsten Tage 200 Soldaten in der Naehe von Gaza befehligen. Das ist schon schlimm mitanzusehen, zumal er uns erzaehlt, dass er gerade erst seit 5 Tagen von seinem letzten, 36 Tage dauernden Einsatz zurueck ist. Bis zum Alter von 46 Jahren kann es hier jeden treffen, immer. Ich weiss nicht, wie ich es aushalten koennte, jahrelang in solcher Unsicherheit zu leben und ich frage mich vor allem, was eine solche Militarisierung mit einer Gesellschaft anstellt. Waehrend ich darueber nachdenke, sind draussen nacheinander 3 dumpfe Explosionen zu hoeren. Eilig checken wir den Nachrichtenticker, hier das uebliche Medium, um sich schnell zu informieren, was los ist und wo es gerade gefaehrlich wird. Es ist die Rede von einer abgefagenen Rakete im „Raum Tel Aviv“, insgesamt hat die Hamas gerade 50 Raketen abgeschossen und Israel antwortet direkt mit Bombardements im Gazastreifen. Damit ist die vielversprechende Waffenruhe dahin und der Krieg kommt uns ganz schnell viel naeher, als uns lieb ist.

Wir versuchen, uns nicht die Laune verderben zu lassen.

FAQ

Fahrt Ihr wirklich nach Israel?

Ja.

Glaubt Ihr, dass das jetzt eine gute Zeit ist, um nach Israel zu fahren?

Einerseits nein. Es sterben dort Menschen. Andererseits ja, die Touri-Orte sind bestimmt nicht so überlaufen wie sonst. Im Endeffekt haben wir beide immer mal wieder überlegt, umzubuchen. Weil der jeweils andere aber doch überzeugt war, dass wir fahren sollten, machen wir das jetzt. Und wir freuen uns riesig drauf.

Wo fahrt Ihr genau hin?

Wir landen in Tel Aviv und wollen uns von dort Richtung Norden auf eine Rundreise begeben. Wir haben ein paar semi-feste Stationen. Vielleicht kommt aber doch alles anders als gedacht…

Habt Ihr keine Angst vor Raketen?

Nein.

Wisst Ihr, wie man sich bei Raketenalarm verhält?

Hürtgi weiß Bescheid. Er brieft mich dann, wenn es so weit ist.

Wieviele Raketen hat die Hamas abgeschossen, seit ihr vor Ort seid?

123. 268. 477. 525. Jetzt kommen ungluecklicherweise ein paar aus Syrien dazu, dabei wollten wir gerade in die Golanhoehen.

 

Copacabana und Schluss

Als wir den ganzen Scheiss hinter uns haben, können wir endlich befreit den Titicacasee begrüssen. Wir chartern uns ein Boot inkl. Kapitän für uns beiden und lassen uns auf die schwimmenden Inseln bringen, eine Touristenattraktion angelehnt an die schwimmenden Inseln der mittlerweile ausgestorbenen Uros, die hier aber nie gelebt haben. Darauf ist ein kleines Restaurant aus Schilf gebaut, wo Forellen frisch aus der Aquakultur zubereitet werden. Lecker! Ausserdem fahren wir am „Hauptquartier“ der bolivianischen Marine vorbei. Da die Bolivianer ihren Zugang zum Meer ja verloren haben (vgl. La Paz), steht hier die einzige Basis und die 22 Soldaten und 3 Schiffe, die die Marine bilden, trainieren hier.

In der Nacht bekomme ich Todeskopfschmerzen, so dass ich kein Auge zutun kann. Die Höhenkrankheit lässt schmerzlich grüssen. Das Ganze bleibt auch trotz teurer Tabletten den gesamten nächsten Tag so schlimm, dass wir in der Nacht abreisen, ohne die „Hauptinseln“ Isla del Sol y de la Luna gesehen zu haben.

Der Bus nach unten ist meine letzte Hoffnung auf rasche Linderung und tatsächlich: beim 5000m-Pass sterbe ich nochmal 1000 Tode, als es ab La Paz aber stetig abwärts geht, geht es mit mir aufwärts.

Wir fahren nach Cochabamba und können unsere Reise quasi dort beenden, wo wir sie begonnen haben. Martine beherbergt uns ganz lieb und wir haben noch ein paar tolle Abende hier.

Dann geht es weiter nach Santa Cruz und dort ins Flugzeug und weiter über Miami nach good old Berlin.

Das war’s dann! Meine erste richtig lange Reise ausserhalb Europas ist schon wieder vorbei. Schön war’s gewesen! Sicherlich komme ich nach Südamerika noch einmal zurück. So viel, was noch gesehen und erlebt werden will. So viele Eindrücke werden in Deutschland sicherlich noch eine Weile in mir arbeiten, während ich brav BWL („tada!“ für alle, die es noch nicht wussten) studiere.

Danke an alle, die mich auf dieser Reise unterstützt haben, mit denen ich kleinere oder grössere Etappen gemeinsam verbracht habe, an Julia, ohne die ich überhaupt nicht losgefahren und einige Male anders abgebogen wäre und ohne die ich niemals so eine tolle Reise gehabt hätte. Und danke an alle, die hier ab und zu lesen und mal einen Kommentar da lassen und mir damit die Motivation geben, diesen Blog als Erinnerung für mich und andere zu schreiben.

Bis zum nächsten Mal!

Grenze Peru-Bolivien

Wir fahren gefühlt Tage lang Bus. Als wir zurück nach Bolivien möchten, bekommen wir an der Grenze ernste Probleme. Wir haben vor 3 Wochen zwar einen Ausreisestempel aus Bolivien erhalten, nicht jedoch den Einreisestempel nach Peru. Wir waren also 3 Wochen lang illegal im Land. Der Grenzbeamte erklärt uns mit bierernster Mine, dass wir jetzt mit der Polizei zurück in die nächstgrössere Stadt Puno (3 Stunden in die Richtung aus der wir gerade kommen) fahren müssten, um von dort aus nach Bolivien oder Deutschland abgeschoben zu werden. Es sei denn… wir bezahlen jetzt auf der Stelle 50US$ „Strafe“ pro Person, dann könnte er das mit den Stempaln irgendwie deichseln. Widerlicher Typ. Wir lassen uns zum Glück ersteinmal nicht darauf ein und verbringen ein paar Stunden überlegend im Grenzgebiet. Der Bus, den wir nach Copacabana gebucht haben, schmeisst uns unser Gepäck vor die Füsse und erklärt uns, dass wir das jetzt allein regeln müssten. Freundlicherweise wird uns noch die Richtung gezeigt, in der wir einen colectivo, einen Kleinbus nach Copacabana finden können. An der Routine des Busbegleiters merkt man, dass wir kein Einzelfall sind. Kurz darauf begegnen wir einer Französin mit dem gleichen Problem, sie hat den Stempel nicht, ihre beiden Freundinnen, mit denen sie zusammen eingereist war, schon. Wir schliessen daraus, dass die Grenzbeamten systematisch und mit Absicht Stempel „vergessen“, um sich so bei Wiederausreise ein Bakshish zu verdienen. Wer nicht alle Stempel nachkontrolliert, oder wie wir gar nicht weiss, dass man immer 2 braucht, ist gelackmeiert. Die Französin hat sich übrigens auf den 50$-Deal eingelassen, wurde dann aber im nächsten Häuschen gleich nochmal zur Kasse gebeten: 68 US$ für die Zollfreiheit.

Der Reiseführer weist auf korrupte Grenzbeamte hin und empfiehlt, kleinere Beträge einfach zu bezahlen, um sich grössere Scherereien zu ersparen. 118$ pro Nase sind für uns kein kleinerer Betrag. Wir beschliessen Kontaktaufnahme mit der Mutterstadt. Verrückterweise hängen hier im Grenzort aber alle mit drin in der Korruption. Öffentliche Telefone funktionieren plötzlich angeblich nicht mehr und unser Handy aufladen dürfen wir in keinem der 3 Läden, „alle Steckdosen belegt“. Als wir das Telefon einfach ausprobieren wollen, werden wir förmlich weggezerrt. Zur Polizei zu gehen scheint auch aussichtslos. Die Zöllner und Polizisten feiern sich zusammen auf den Ertrag der letzten Tage, ein Bündel Dollarnoten, dass einer der Grenzer stolz präsentiert. Unser Glück ist, dass die Beamten, ausser wenn es um ihr Schmiergeld geht, äusserst faul sind. So können wir einfach unbemerkt nach Bolivien rüberlaufen, ohne aufgehalten zu werden. Trotzdem brauchen wir die blöden Stempel noch, ansonsten könnte es am Flughafen ungemütlich werden.

Aus Bolivien können wir in Berlin anrufen und bekommen von dort bestätigt, dass einfach zahlen wohl das Beste wäre. Trotzdem wird diese Option nur zu Plan C erkoren.

Plan A scheitert, als wir versuchen, die bolivianischen Grenzer zu bestechen, unseren Ausreisestempel einfach zu annullieren. Da könne man leider gar nichts machen, unsere 100 Bs nehmen sie trotzdem gerne und schmieden uns dafür einen ausgeklügelten Notfallplan, der wohl mit 300 Bs Strafe pro Person am Flughafen in Santa Cruz endet und von uns ein bisschen Lug und Betrug verlangt. Wir geben uns damit halb zufrieden und nehmen dann Plan B in Angriff. Wir fahren einfach nach Copacabana und verschieben das Problem um ein paar Tags. Dass das auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, erfahren wir spätestens, als wir uns am Abend viele mehr oder weniger lustige Grenzgeschichten aus Südamerika ergoogeln.

Also am nächsten Tag früh raus und zurück nach Peru gefahren, vorher ein paar Dollars ertauscht. Unser amigo von gestern sitzt noch immer im Grenzbüro und lässt sich darauf ein, uns für 20 $ pro Person Ein- und Ausreisestempel von heute einzustempeln. Völlig sicher, behauptet er, niemand guckt auf den vorletzten Stempel. Der Deal beinhaltet auch freie Passage im Zollhäuschen. Im Endeffekt lassen wir uns also nur einige Dollars und 24 Stunden Lebenszeit stehlen und werden dafür Zeit unseres Lebens immer sorgfältig alle Stempel kontrollieren. Ich verkneife mir beim Rausgehen noch ein lautstarkes „No a la corrupción“, Wahlspruch der meisten Politiker hier. Krass, wie die Korruption hier noch so viel offener gelebt wird als bspw. in Rumänien.

Die Bolivianer lassen sich übrigens nichts anmerken und lachen beim Blick auf die Stempel höchstens innerlich ein bisschen. Die Beamten sind zufrieden mit ihrem Taschengeld, wir sind sehr erleichtert und hoffen in Santa Cruz keine Probleme mit dieser Mauschellösung zu bekommen.

Huanchaco

Wir finden sofort unser Lieblingshostel namens „MERI“, was in der Muttersprache der finnischen Betreiber Meer bedeutet. Das Ding ist ein günstiges Surf-Hostel mit Chart-Musik, einer Skaterampe im Hof und einer Draussen-Küche wie in Samaipata. Als wir da Nudeln kochen, sprechen uns Brett und Hannah an, ob wir Deutsche wären. Die beiden sind Amis, haben aber eine Zeit lang in Deutschland gelebt und sich dort auch kennengelernt. Mit ihnen unternehmen wir die nächsten Tage recht viel.

In Huanchaco ist alles billiger und schöner als in Trujillo, die Pazifiklage sorgt für klaren Himmel und konstante Wellen das ganze Jahr lang. Deshalb kommen aus der ganzen Umgebung Leute zum Surfen her. Als wir uns am zweiten Tag auch auf den Brettern raus wagen, sind die Bedingungen günstig: Kleine Wellen und mit Alejandro ein super Lehrer führen zum schnellen Erfolg und beim dritten Versuch stehe ich auf meinem (zugegebenermassen riesigen Anfänger-) Board. Mit Alejandro klappt bei Celia, Julia und mir nahezu jede Welle. Als wir es dann später alleine versuchen eigentlich gar keine. Am nächsten Tag das selbe Spiel. Nur durch Alejandro’s Ansagen stehe ich irgendwie jedes Mal wieder auf dem Brett, ohne ihn geht nicht viel.

Insgesamt ist Wellenreiten eine super Sache, das wird nicht das letzte Mal für mich gewesen sein. Nach einigem Hin & Her entscheiden wir uns dagegen mit Elsa, Celia und einer weiteren Freiwilligen nach Mancora zu fahren. Das hauptsächlich aufgrund des langen Rückweges zu unserem Abflugort Santa Cruz de Bolivia, der so schon anstrengend genug wird.

Trujillo

Die Busfahrt nach Trujillo wird trotz Panorama-Plätzen mal wieder zur Zerreissprobe für die Nerven. Die Frau am Schalter der billigsten Linie drückt sich zur Ankunft absichtlich unklar aus, der Bus hat stundenlange Wartezeiten an Provinzbahnhöfen mit Schotterboden, ziemlich matsche kommen wir um 4 Uhr morgens an. Ins Hostel lohnt sich irgendwie nicht mehr, deshalb lassen wir uns zur plaza de armas (so heissen fast alle grössten Plätze in Südamerika) fahren und entspannen bis zum Morgengrauen auf Parkbänken. Mit einer Süddeutschen Reisenden frühstücken wir auf dem Markt und lassen uns dann zur WG von Elsa und Tilman fahren, wo gerade auch Celia aus Berlin zu Besuch ist, alle von Julias Schule. Dort angekommen klingeln wir Elsa wach und erleben die langsam erwachende WG im Katerzustand. Wieder haben wir Einblick in das Leben von Freiwilligen kurz vor Ende ihres Voluntariats und wieder ist alles andersals an den Stellen, die wir bisher erlebt haben. Das soziale Projekt „Arpegio“, in dem neben Tilman und Elsa noch 10 weitere Freiwillige arbeiten, ist musikalischer Natur: Hier können peruanische Kinder und Jugendliche Musikinstrumente spielen lernen und im Orchester mitwirken.Die Kosten sind sozialverträglich gestaffelt, 55% der Schüler zahlen gar nichts für ihren Unterricht. Die Lehrer sind Freiwillige aus Deutschland oder Peru, zum Teil selbst ehemalige Arpegio-Schüler. Das Projekt ist in den letzten Jahren stark gewachsen, ca. 300 Peruaner lernen hier klassische Musik kennen, spielen und lieben. 10 Deutsche leben in den ziemlich engen Räumen über der Musikschule. Zum gemeinsamen Frühstück kommen sie nach und nach aus ihren Betten gekrochen.

Wir quartieren uns in einem Hostel nahe der Plaza ein, da hier in der WG wirklich kein Platz mehr gewesen wäre. Gleich am ersten Abend hier erleben wir bei einem Vorspiel der Schüler die Herzlichkeit und die Nähe, die sich zwischen den Freiwilligen und ihren Schützlingen entwickelt hat. Denen wird ausser Musikunterricht noch viel mehr geboten. Da wird gekuschelt und geklönt, sich zum Essen eingeladen und zusammen gespielt. Vor allem für die Heimkinder, die im Rahmen des Projekts unterrichtet werden, sind die Freiwilligen Elternfiguren. Nach dem Vorpsiel überredet der smarte Freiwillige Yannis die müde Meute noch ins naha gelegene Surferdorf Huanchaco zu fahren. Die Cocktails kosten zur Happy-Hour 3S (weniger als 1 Euro), wir kommen kurz vor Ladenschluss an, was uns aber nicht davon abhält, uns noch ordentlich zu betrinken.

Am nächsten Tag fahren wir mit Celia zu den Huacas del Sol y de la Luna, sehr sehr alte archäologische Stätten in der Nähe von Trujillo. Hier hat die Moche-Kultur 800 v. Chr. angefangen, sich eine Stadt mit 2 riesigen Komplexen, einem Verwaltungsgebäude (Huaca del Sol) und einem Tempel (Huaca de la Luna, man sieht an der Namensgebung, wie Religion und Staat zueinander standen) zu bauen. Von der Stadt ist nicht mehr viel  übrig, aber die beiden Huacas stehen heute wieder fast vollständig ausgebuddelt da. Hier graben auch heute noch Forscher von der Uni und entdecken immer neue Teile. Die ganze Ausgrabungsstätte ist privat und von einer grossen peruanischen Brauerei betrieben, was erstmal ganz lustig ist, vor allem aber dazu führt, dass hier ausnahmsweise richtig gute Führungen angeboten werden, da die Guides auf Trinkgeld (haha!) angewiesen sind.

Wir begleiten Celia ausserdem bei Tag nach Huanchaco und beschliessen, bald hierher umzuziehen. Vorher steht aber noch die Abschiedsparty der FSJler in ihrer WG an. Alle peruanischen Freunde, die sich über das Jahr so angesammelt haben, kommen vorbei und ein DJ legt die Sommerhits, die hier eigentlich Winterhits sind, auf und noch bevor der dritte Eimer Mojito alle ist, tanzen alle.

Zwischendurch probieren wir das beste Pollo-Sandwich der Welt, welches es 2 Ecken von der WG entfernt zu kaufen gibt. Allerdings muss man genau zur rechten Zeit kommen. Die Bude macht ihren Schnitt nämlich mit 3 Stunden Öffnungszeit am Tag, wer zu spät kommt kriegt nichts mehr. Und am besten bringt man eine Menge Schlangesteherfahrung mit. Irgendwie frech. Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ kommt mir beim Warten in den Sinn, sie würde auch hier beim Pollo-Sandwich-Bräter in Südamerika super funktionieren.

In Trujillo kommen wir auch endlich unserer Bürgerpflicht nach. Wir haben uns vorausschauend Briefwahlunterlagen zu Elsa bestellt und Tilman nimmt sie mit den Kreuzchen an der richtigen Stelle (edit 22.9.: geholfen hat’s wohl nix) zurück mit nach Deutschland. Am Wahltag können wir dann von hier aus mitfiebern.

Unseren letzten Tag in Trujillo verbringen wir auf der von Elsa organisierten „día de la integración“, bei der alle Arpegio-Kinder aus Trujillos Vororten zusammenkommen und in gemischten Gruppen an verschiedenen Stationen Spiele à la Eierlauf spielen. Ich leite den Entenlauf-Parcours an und bin stolz darauf es einigermassen auf Spanisch hinzubekommen.

Lima

Das erste Bild vom Pazifik kommt plötzlich und ist unscharf. Ohne Brille und mit Ohrstöpseln, um dem grausamen und seit Stunden störenden Board-Entertainment des Busses zu entgehen, mit müden Augen und durch noch mattere Fensterscheiben von endlosen Kilometern durch die Wüste bin ich blind und taub, als ich den blauen Riesen neben der uns erbarmungslos nordwärts schleifenden Panamericana entdecke. Das bedeutet jetzt zweierlei, Gutes und Schlechtes. Das Gute ist, dass unser Ziel Lima nun wirklich nicht mehr weit entfernt sein kann. Das Schlechte, dass alle Unheilsverkünder Recht behalten haben und das Wetter hier vermutlich tatsächlich immer scheisse ist.

Pauls WG

Pauls WG

Wir fahren gleich nach Ankunft auf gut Glück in den Randbezirk la Molina, da wir von unterwegs nicht mehr mit Paul kommunizieren konnten. Paul ist ein Kumpel von Julia aus Berlin, auch Freiwilliger hier, der uns freundlicherweise bei sich aufnehmen will. Wir kennen zwar die Strasse und Hausnummer, wissen aber nicht in welchem Appartement er wohnt und ob er überhaupt zu Hause ist. Wir klingeln und haben Glück. Pauls Mitbewohnerin Carla guckt aus dem Fenster und kann den Schlafenden aufwecken. In der Wohnung wohnen 4 Freiwillige in Kinderheim-Projekten hier in Lima. Am ersten Abend lernen wir die restlichen deutschen FSJler bei einer Abschiedsparty im Künstlerviertel Barranco kennen. Es wird erst in einer Wohnung gefeiert und später am Strand mit Lagerfeuer, Trommeln und witzigen Menschen aus Peru, Kuba und China.

Die weiteren Tage hier vergammeln wir eher. Ein wenig Wäsche waschen hier, lecker Frühstück oder Burger essen da und einmal um den Block spazieren dort sind das Tagesprogramm. Paul hat Glück, hier hat sich eine wirklich atzige WG von sich gut ergänzenden Menschen gefunden. Hier wird gechillt, gefeiert und gewitzelt und alle haben Spass am Gemeinsam-Sein. Auch die Wohnung an sich ist ganz geil. Zwar kein eigenes Zimmer für jeden, dafür eine sonnige Dachterasse und ein offener Küche-Wohn-Raum. Die Stimmung trübt leider die psychisch angeknackste Vermieterin Rita, die schon das ganze Jahr anstrengend war, es nun gegen Ende der gemeinsamen Zeit jedoch noch mal richtig drauf ankommen lässt und unerträglich wird: Im Stundentakt kommt sie unangekündigt durch Vorder- oder Hintertür, um zu kontrollieren, ob der Auszug nach ihrem Gusto vonstatten geht. Was er natürlich nicht tut. Und so wird immer wieder korrigiert, diskutiert, gefordert und befohlen und vor allem möglichst oft eine total schockierte Mine aufgesetzt.

Nach und nach heisst es dann auch für diese WG, Abschied zu nehmen. Unser zweiter Abend ist der letzte der Mädels hier und wir fahren zur Feierei ins Reichen- und Touri- und Partyviertel Miraflores. Wir ziehen durch verschiedene Bars und Clubs und ärgern uns über die allzu europäischen Preise. Peter reist einen Tag später ab, wir feiern mit Bier und Pisco und Tischtennis in der Wohnung. Der Abschied von Paul muss dann zwei Tage darauf schnell gehen, da wir noch einen Bus, der abends in Trujillo ankommen soll, catchen wollen.

2 Busfahrten

Wir fahren von Rurre nach La Paz. Auf dem Hinweg hatte noch alles verhältnismässig gut geklappt. „Verhältnismässig“ bedeutet hier immer unter 2 Stunden Verspätung. Die von den Unternehmen angegebenen Fahrzeiten sind, so vermute ich, die Weltrekorde, eingefahren bei freier Bahn und mit Rückenwind. Jetzt stehen die Zeichen jedenfalls schlecht. Der seit 3 Tagen andauernde Regen hat die Sandstrassen in Schlammpisten verwandelt. Wir brauchen für die 450km geschlagene 30 Stunden. 1 mal bleiben wir im Sonnenaufgang und vor allem im Schlamm stecken und müssen stundenlang freischaufeln, 1 mal schläft unser Fahrer ein Sekündchen ein und steuert in ein Gebüsch, kein Wunder bei 30 Fahrtstunden ohne Fahrerwechsel. Ein Bagger kommt und befreit uns. Die grösste Verzögerung entsteht durch einen Erdrutsch, dessen Beseitigungsarbeiten uns zu einer Pause von 6 Stunden zwingen. Zu allem überfluss bekommen wir in der zweiten Nacht einen schlimmen Unfall zu sehen. Ein Taxi ist gerade neben der Strasse in den 15m-Abgrund gestürzt, Helfer leuchten und rufen Anweisungen, es scheint Überlebende zu geben. Vielmehr erfahren wir beim Vorbeifahren nicht. Dann noch ein kleiner Zusammenstoss von unserem Bus mit einem entgegenkommenden Taxi und mit den Nerven am Ende hören wir, wie sich erst die beiden Fahrer und dann immer mehr aus den pausenlos hupenden Autos aussteigende Männer darum streiten, wer Schuld hat und warum. Die Sache dreht sich zu Gunsten unseres Fahrers, als sich herausstellt, dass der Taxifahrer gar keinen Führerschein (!) hat.

Die lange Fahrt hat schliesslich auch ihr Gutes. Wir lernen ein paar Franzosen kennen, mit denen wir nachts im Hostel einchecken und 2 Tage in La Paz verbringen. Wir finden zufällig eine nette Bar und verbringen dort 2 Abende.

mhhhmmmm...

mhhhmmmm…

Die nächste Busfahrt (La Paz – Lima mit Umstieg in Puno am Titicacasee) wird die teuerste ever. 550 Bs, 5x mehr als wir bis jetzt maximal bezahlt hatten. Hallo Peru, hier ist plötzlich alles „nur noch“ 2x billiger als in Deutschland (und nicht 5x). Dafür gibt’s „Vollverpflegung“, Essen aus Plastikschalen, 3x ekliger als im Flugzeug.

Eine völlig durchgeknallte Stewardess und ein Fehler im Buchungssystem runden das Programm ab. Dieser Fehler macht, dass beim Umstieg in den nächsten Bus für unsere 5er Gruppe (die beiden Franzosen Audrey und Camille, ein Spanier und wir) nur 3 Plätze im Anschlussbus zur Verfügung stehen. Erschwerend hinzu kommt, dass wegen Schneestürmen im südlichen Peru auch keine weiteren Busse mehr zu erwarten sind. Nach ewigem hin und her verabschiedet sich der Spanier mit der Nachricht, dass gestern Nacht im Bus Leute erfroren wären und bucht sich deshalb lieber einen Flug. Na danke. Den 4. Platz buchen wir unter Zugzwang gegen eine viel zu kleine Entschädigung in die Holzklasse um. Audrey opfert sich für die Gruppe und fährt semi-cama. Im Bus laufen schreckliche Musikvideos bei ca. 150 dB und es gibt noch einmal HappiHappi, bevor ich auf dem Weg nach Lima einschlafe…

Rurrenabaque

Die Busfahrt nach „Rurre“ buchen wir trotz des geringen Aufpreises im Reisebüro in Coroico, um ganz sicher zu sein anzukommen und auch ja keine Zeit zu vertrödeln. In der Servicewüste Bolivien bedeutet das, dass wir uns selbst ein Taxi suchen müssen, das uns in den nächsten Ort fährt, um da unseren Bus „zwischen 1 und 3“ zu erwischen. Kurz nach 1 unten haben wir Angst ihn schon verpasst zu haben, kriegen aber vom freundlichen Schrankenwärter gesagt, dass der Bus gegen 5 hier vorbeikommen müsste. Gleich darauf gesellen sich 2 Österreicherinnen zu uns Wartenden und erklären uns warum: Heute war Erdrutsch und die Strasse muss freigeräumt werden. Diese Fahrt wird uns noch eine Weile in den Knochen stecken, in nächster Nähe zum Abgrund mit überhöhter Geschwindigkeit und das im Dunkeln, ist sie teilweise ganz schön anstrengend auszuhalten.

Der erste Tag vor Ort wird gleich ziemlich kurzweilig. Wir suchen uns fix Hostel und Essen. Dann wagen wir uns ins nächste Fahrt-Abenteuer, als wir uns ein Motorrad mieten (eigentlich mehr Motorroller, Schwalbe-Style) und damit die Strassen (es gibt eigentlich nur 3) auf und ab cruisen.

Hier fällt auf, wie oft man als Reisender Leute wiedertrifft, und das doch eingentlich alle Touris ein ähnliches Programm haben. Zum x-ten Mal begegnen wir den arroganten Französinnen, mit denen sich ein gegenseitiger kleiner Hass aufgebaut hat, und auch die Ösi-Mädels sieht man immer wieder. Wir vergleichen mal wieder Preise für Touren und buchen einen 3TagesTrip in die Pampas, wo es viele Tiere zu sehen geben soll. Der beginnt mit einem Motorradfahrer, den unser Fahrer zu spät sieht und mit dem Jeep über den Haufen fährt. Zum Glück reagiert der unangenehm Berührte direkt richtig und fährt mit heulendem Motor an, so dass ausser einem bisschen Plastik nichts zu Schaden kommt. Dafür gibt’s für den wütenden Biker 50 Bs auf die Kralle und weiter geht’s. Gestern hatten wir gemeinsam mit 3 Deutschen die Tour gebucht, die gemeinsame Gruppe, die uns von Luftikus-Luis, dem Seller in der Agency versprochen wurde, kommt jedoch nicht zu stande. Egal, unsere Gruppe ist auch cool, besehend aus inklusive uns 3 Pärchen und zwei Schäkernden. Ausserdem gibt es aus dem Boot unterwegs zur Ecolodge einiges zu sehen: Krokodile, Alligatoren, Kaimane („Wo ist denn da der Unterschied?“ würde Icke jetzt fragen), Flussdelfine, Totenkopfäffchen und viele verschiedene Vögel.

Nachts brechen wir nochmal im Boot auf und leuchten Krokodilen in die Augen, die dann cool rot und blau reflektieren. Unter anderem sehen wir eine kleine Familie mit 40 Babies. Unser Guide Ronaldo ist leider recht schweigsam und erzählt von sich aus nicht viel. Am nächsten Morgen auf Anaconda-Suche stapft er schweigend voran und wir 2 Stunden hinterher, ohne genau zu wissen, weswegen wir eigentlich hier sind. Die Anaconda hat bei dem schlechten Wetter keinen Bock und lässt sich nicht blicken. Der Regen hört nicht wirklich auf, trotzdem ziehen wir am Nachmittag den Programmpunkt „Schwimmen mit Delfinen“ durch. Die rosaroten Flussdelfine schwimmen jetzt im Winter noch an den wenigen einigermassen tiefen Stellen im Yacuma-Fluss. Wo sie unterwegs sind kann gefahrlos geschwommen werden, sie vertreiben Piranhas und Krokodile. Ein paar Wagemutige springen ins Wasser und sind den Tieren ganz nah. Ein bisschen Vorsicht ist geboten, da die Viecher auch beissen und einen unter Wasser ziehen können.

Nach dem Abendessen taut Ronaldo endlich auf und gibt eine Geschichtenstunde. Er plaudert über die Natur, seinen Job als guía hier und vorher in Brasilien und über lästige Touristen, die nicht auf ihn gehört haben und von Piranhas angeknabbert wurden. Am späten Abend gibt es Lagerfeuer mit Sitzen und Schnitzen und Quatschen.

Der dritte Tag beginnt mit Gewissensbissen. Wir fischen Piranhas fürs Mittagessen. Julia steigt bald aus, weil sie es nicht gutheissen kann, dass die kleinen Fische zurückgeworfen werden. Ich ziehe einen kleinen Piranha an Land, ärgere mich aber die meiste Zeit über die blöden Fische, die es immer wieder schaffen, meinen gesamten Köder zu vertilgen, ohne wirklich anzubeissen. Ich stelle mir vor, wie sie sich einen feixen und die blöden Touris, die sie jeden Tag gratis füttern, hart auslachen.

Dann geht es mit Boot und Jeep zurück nach Rurre, elendig lange Fahrten, die aber dank der netten Menschen aus unserer Gruppe einigermassen erträglich bleiben. Abends gehen wir mit der ganzen Gruppe lecker Pizza essen, einige der Menschen hier treffen wir bestimmt wieder, in Belgien oder England oder Israel oder bei uns.